Ich fange mit

einem Buch an, das ich gerade beendet habe und damit eigentlich nicht mehr in dieses Journal einfügen kann. Aber der Band beschäftigt mich noch in einer Weise, dass ich ihm hier einen Eintrag widmen werde. Beginnen mit der Rückschau…

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Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#01

Ich bekam Mo Yans Roman Das rote Kornfeld vor annähernd zwei Jahren, als Geschenk von einer sehr klugen jungen Chinesin, die eine Zeit lang bei uns gearbeitet hat. Ich wunderte mich noch, dass sie, die mich deutlich kürzer erst kannte als andere Kollegen, ein solches Geschenk machte, hatte den Namen Mo Yan — ein pen name — schon gehört, auch eine Empfehlung erhalten von jemandem, dessen literarisches Urteil ich hoch achte (und der, nebenbei bemerkt, gerade in einem Schlösschen weilt). Sonst aber hatte ich mit chinesischer Literatur nicht viel am Hut. Und so dauerte es bis vor wenigen Wochen, bis ich im Rahmen des bergmännischen Abbaus des Bücherstapels auf meinem Nachttisch wieder auf das rote Kornfeld stieß. Und anfing. Und nicht mehr aufhören konnte. Hin und wieder zur-Seite-legen, das schon, denn es ist ein Buch mit harten Passagen. Es geht um die Auslöschung eines Dorfes, einer Region durch den Krieg; um die Entstehung und die Zerstörung einer Familie durch den Krieg oder seine Gefolgsleute, Tod, Wahnsinn und Staatsideologie. (Auch einen anderen Marsyas gibt es.)

Am Ende der Chronologie und zugleich am Ursprung des Romans: der Erzähler, der von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Großmutter erzählt, als wäre er allwissend, als wäre er in deren Leben, in deren Leib, in deren Gemütsverfassungen dabeigewesen.

Das ist nun kein origineller Trick, der aber so unscheinbar durchgeführt wird, dass es mir zunächst gar nicht auffiel, wie unmöglich diese Erzählposition eigentlich ist. Unmöglich auch die Chronologie, die, nicht nur Kapitel zu Kapitel oder Absatz zu Absatz, sondern auch gelegentlich von Satz zu Satz „springt“ und beim Lesen zusammengesetzt werden muss. Er erinnerte mich an ein ähnlich faszinierendes Puzzle, lange zurückliegend: Nachts unter der Steinernen Brücke. Doch wenn dort die Zerstückelung dem mathematischen Kalkül eines Roman-Memory folgt, merkte ich bei Mo Yan plötzlich, wie organisch diese Zeitsprünge verlaufen.

Ein Beispiel: Die Angehörigen verfeindeter Guerilla-Truppen, beide Truppen sind unterdes von einer dritten gefangen worden, werfen ihren Gegnern vor, die gegenseitige Feindschaft rühre nur daher, dass die anderen ihnen im letzten sehr strengen Winter ein paar Dutzend Hundefelle und versteckte Waffen gestohlen hätten. Dann wird erzählt, wie es zu diesem Diebstahl kam, doch erst zig Seiten später, denn zuvor muss die Vorgeschichte dessen eingeschaltet werden, der den Diebstahl ausgeheckt hat: Cheng Manzi, der einst zufällig außerhalb seines Dorfes den anrückenden Japanern in die Hände fällt, diese der Reihe nach zu allen Sandalen-Werkstätten des Ortes führt und Zeuge wird, wie die Soldateska Handgranaten in die Manufakturen wirft, Fenster und Türen verbarrikadiert und die Insassen kläglich verrecken lässt. Von diese Schuld getrieben und da er seine Frau und Tochter geschändet und aufgeschlitzt wiederfindet, schließt er sich der Widerstands-Guerilla an und wird ein gefürchteter Kämpfer mit Handgranaten, die er nun gegen die Japaner so einsetzt, wie diese gegen seine ehemaligen Dorfgenossen. Dass er auch die Idee hat, die Hundefelle zu stehlen, ist für die Figur ganz nebensächlich, denn mit Cheng Manzi gelingt Mo Yan das ganz überzeugende Bild eines ängstlichen Kleinbürgers in seinen vor den Japanern bepissten Hosen, der sich erst zum furchtlosen Desperado und dann — als es einsieht, dass er das Grauen, das er wiedergutzumachen sucht, nur immer weiter fortsetzt — zum desperaten Selbstmörder wandelt. Allein schon an dieser Nebenfigur und ihrer Episode zeigt im Kern, was dieser Autor kann und an seinen Hauptfiguren entsprechend komplexer erschafft.

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>> Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#02

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