Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#02

1939. Ein Jahr, das im rückschauenden Europa, erst recht Deutschland, eindeutige Assoziationen auslöst. Wie die folgenden sechs Jahre. Vielleicht ist es einer Egozentrik dieses „westasiatischen Vorgebirges“ zuzuschreiben, dass Europa gern ignoriert, dass es anderswo auf der Welt auch schlimm aussah (und aussieht). In den Dreißiger Jahren zum Beispiel in China, das sich einem expansiven japanischen Imperium ausgesetzt sah und zugleich innenpolitisch zerrüttet war, wie das rote Kornfeld zeigt.

Dabei tappt Mo Yan nie in die Falle des Schwarz-Weiß-Malens: Die japanischen Gräueltaten, auch die abstoßendsten, werden von differenziert skizzierten Menschen begangen; die zivilisatorische Schicht, die sie von der rasenden Bestie trennt, ist genauso dünn wie bei den meisten Menschen dieses Romans, ob Chinese, Japaner, Rebell oder Eroberer, zumal bei den Hauptfiguren. Dieser Rückfall ins vorzivilisierte Töten wurde mir Leser dabei so nachvollziehbar gemacht, plausibel und folgerichtig, wie ich es zuletzt in einem ganz anderen Genre, nämlich bei James Dickeys Flussfahrt erlebte. Wie ich auch die großen und kleinen, teils absurden Sinnlosigkeiten des Krieges neben Mo Yan nur noch bei Grimmelshausen, Aris Alexandrou und Céline gelesen habe — doch bei allen dreien wieder ganz anders als hier. (Schon eine ganz eigene Pointe: die ausführliche Analogie zwischen einer Leichen fressenden verwilderten Hunde-Armee, die daran scheitert, dass ihre drei caniden Anführer einander ausschalten wollen, und den ebenso verfeindeten kriegerischen Truppen in der Region!)

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