Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#03

Rot ist des Titels Kornfeld, das eigentlich ein riesiges Hirse-Areal ist, in mehrfacher Hinsicht: wegen der roten Färbung der dort im Übermaß gedeihenden Hirse, wegen des roten Blutes, das diesen Boden im Laufe der wenigen erzählten Monate tausendfach tränkt und wegen der roten Zukunft des hier noch im Werden begriffenen neuen Chinas. In diesem neuen China befindet sich nun der Erzähler, der auch vom alten Geng berichtet, der einem taoistischen Unsterblichen gleicht und achtzehn Bajonett-Wunden der Japaner mit Hilfe eines Fuchsgeistes überlebt hat, doch schließlich vor dem Versammlungshaus der Kommune kläglich erfriert, während die Ausschussmitglieder gerade „in den Ferien“ weilen…

Kein Zweifel: Die spätere Zeit ist nicht die bessere, befreitere, gerechtere. Der Erzähler bezichtigt sich geradezu des schwächlichen Epigonentums, er sieht sich als Enkel, der den Eltern und Großeltern nicht mehr das Wasser reichen kann. Selbst die Hirse, die Pflanze der Kontinuität in all dem von Menschen bewirkten Chaos, wurde von der neuen Zeit rationalisiert und durch produktivere Hybrid-Hirse ersetzt. Viele für chinesische Leser sicher ganz offensichtlichen Anspielungen auf diese Dramatik der Ablösung einer sehr alten durch eine neue Zeit müssen mir entgangen sein. Wenn aber der Sarg für das Prachtbegräbnis der Großmutter schon zu Zeiten des Qin-Kaisers angefertigt und seither mit 30 Lackschichten versehen, er dann von der aufständischen Soldateska requiriert und sein Besitzer wohl beseitigt wurde, und wenn dieses Kunstwerk schließlich während der Begräbnis-Zeremonie, die im Hirse-Land stattfindet, im Schusswechsel eines Scharmützels zwischen den rivalisierenden Guerilla-Truppen zuschanden wird, dann dürfte dieser Umgang der neuen mit der alten Zeit keine besondere Entschlüsselung mehr erfordern — Es ist unbehaglich, vielleicht besonders für einen deutschen Leser, am Ende eines Romans mit so einem klaren Plädoyer für eine retrospektive, fast revanchistische Position konfrontiert zu werden. Denn Rückwärtsgewandheit und Konservativismus sind Positionen, die der Deutsche (zumindest jenseits einer bestimmten Generation) weit von sich wiese; und allenfalls im stillen Kämmerlein praktizierte. Dass Rückblicke doch nicht mit Schönfärberei einher gehen müssen, zeigt die „Geschichte“ des epigonalen Erzählers bei Mo Yan eindrücklich. Eindrücklicher womöglich, als es ein Geschichtswerk über China zwischen 1927 und 1972 gekonnt hätte. — Bedauerlich nur, dass ich dieses Buch niemals in der Originalsprache werde lesen können, so dass mir eine ganze ästhetische Welt, ein Füllhorn von Anspielungen und Tönen und Klangfarben entgehen muss; dies ganz unbenommen der sehr flüssig zu lesenden Übersetzung von Peter Weber-Schäfer.

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5 Antworten zu Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#03

  1. rotebastardin schreibt:

    Starkfarbene Leseeindrücke sind das. Allerdings empfinde ich es auch als problematisch weil ich jetzt denke: Ich will es lieber verstoffwechselt von Ihnen lesen. Was wiederum schlecht für die Autoren eines Werkes ist. Und den jeweiligen Verlag.

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  2. schwarzertd schreibt:

    Vielen Dank! Aber erstens war es ja ursprünglich eine Bastardin-Idee, und zweitens kommen die starken Farben hier direkt vom Rot des Hirsefeldes. Über einen großartigen Roman schreibt „es“ sich von selbst. Also: schädigen Sie nicht den Verlag, lesen Sie das Buch! Es steckt so viel mehr darin, als ich hier einstelle. Vielleicht würden Ihnen auch ganz andere Teile oder Figuren zu denken geben als die, an die sich meine Überlegungen knüpfen. (Und dann gäb’s vielleicht einen Dialog?)
    Mal sehen, wie es druckschwarz weitergeht, wenn ich das nächste Buch endlich aufschlagen kann. Es liegt schon bereit und könnte ein ziemlicher Kontrast werden. Zumindest hat es einen grünen Einband…

    Eine hiesige Lesefrucht noch: Aiga steht für Trolle offen (<< hier, 12. 7., 12:46)?? Das ist… pikant.

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  3. rotebastardin schreibt:

    Ja, wenn ich es noch irgendwann mal wieder schaffe ein Buch in die Hand zu nehmen und es dann auch fertig zu lesen. Wenn der Tag mehr als vierundzwanzig Stunden hat. Ich lese auch gerne auszugsweise, einfach mal so in der Mitte. Dampfe währenddessen Drachenblut. Blättere vor, blättere zurück.

    „Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.“

    Das ist von Frau Kolmar. Eine tolle Dichterin. Kennen Sie die?

    Die Trolle und Aiga. Das können Sie für Ihre Rubrik selbst entscheiden, ob sie Ihnen zur Trollwiese taugt.

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    • schwarzertd schreibt:

      „offen“: Ich meinte nur, da Aiga ja selbst eine Trollin ist…

      Niemand braucht Bücher von vorn bis hinten zu lesen (und alles dazwischen), um über sie nachzudenken. Gerade bei Gertrud Chodziesner-Kolmar, die für mich eines der größten lyrischen Talente in deutscher Sprache war, ging es mir immer so. Ich machte lange Pausen während des Lesens. Nicht, dass ich nicht unbedingt und dringend hätte weiterlesen wollen. Doch gleichzeitig wollte ich das, was ich gerade gelesen hatte, möglichst lange „einwirken“ lassen.
      Ich mag übrigens die Offenheit, mit der Sie Ihren Blog hier gleich zu Beginn führen. Und so ist „druckschwarz“ auch nicht meine Rubrik allein. Falls Sie etwas über Kolmar oder Serres oder anderes schreiben wollen, was Sie druckschwarz beeindruckt: Nur zu!

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  4. rotebastardin schreibt:

    Aiga. Ja. Und was für eine! Felsig, schroff, herzlich. Manchmal.

    In „druckschwarz“ schreiben. Ob ich das auch noch schaffe? Hab´ ja einige Rubriken mehr zu füllen! Und ich vermute auch, es liegt mir nicht so wie Ihnen offenbar.

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