Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#04

Zum Schluss noch zwei Zitate, in denen sich Mo Yans Erzähler mit Reflexionen einschaltet. Dies kommt nur selten vor und fügt dem ohnehin vielschichtigen Roman weitere Facetten hinzu. Erstens:

Was ist Liebe? […] Das erste Element der Liebe, die Leidenschaft, besteht aus herzdurchdringendem Schmerz. Eine Flüssigkeit wie Kiefernharz quillt aus dem verwundeten Herzen, und der Blutstrom des Leidens fließt vom Magen durch Eingeweide und Därme und verläßt den Körper als teerartige Masse: Fäkalien der Leidenschaft. Das zweite Element, Grausamkeit, besteht aus gnadenloser Kritik. Jeder der beiden Partner will dem anderen bei lebendigem Leibe die Haut abziehen, physisch und psychisch, geistig und körperlich. Sie haben das Bedürfnis, einander die Blutgefäße, die Muskeln und alle inneren Organe, einschließlich des dunklen roten Herzens, aus dem Leib zu reißen. Dann schleudern sie die Herzen gegeneinander, sie stoßen zusammen und fallen in Stücken zur Erde. Das dritte Element, Kälte, besteht aus lang hingezogenem, schwerem Schweigen. Eiskalte Gefühle verwandeln den Liebenden in einen Eiszapfen, der erst gefroren in der Luft hängt, dann im Schnee liegt, im Eiswasser eines Flusses treibt und schließlich neben tiefgekühltem Schweinefleisch und Gelbfisch in einer modernen Tiefkühltruhe liegt. Deshalb bedeckt weißer Reif die Gesichter der wahrhaft Liebenden, und ihre Körpertemperatur liegt bei fünfundzwanzig Grad. Ihre Zähne klappern so heftig, daß sie nicht sprechen können. Sie wollen sprechen, aber sie sind nicht mehr fähig dazu, auch wenn unbeteiligte Beobachter meinen, sie stellten sich nur dumm an.

Und deshalb ist leidenschaftliche, grausame, kalte Liebe nichts anders als ein inneres Bluten, ein Häuten bei lebendigem Leibe, törichte, stumme Gesten. Ein Kreis, der nie ein Ende findet.

Die Bewegung der Liebe ist die Bewegung des Blutes, das sich in teerfarbenen Kot verwandelt. Der Ausdruck der Liebe sind zwei Menschen, deren Fleisch und Blut verschwimmen, wenn sie beieinanderliegen. Die Folgen der Liebe sind zwei Eiszapfen mit grauen starren Augen. (365/366)

Das romantische Verständnis von Liebe schaudert hier, beisst sich die Zunge ab und erstickt an ihr. Von diesem goldene Kalb europäischer Empfindsamkeit ist hier nicht die Rede. Vielmehr von etwas, was ganz körperlich verstoffwechselt werden muss und als solches eben nur Ausscheidungen, Trümmer, Erstarrtes hervorbringt. Ich aber erahne nur, wie damit Mo Yans ganzer Roman zu einem noch geschlosseneren Kunstwerk wird. Denn alle Teile dieses Bildes von Liebe durchziehen motivisch die Romanhandlung: Exkremente, Aas, das Häuten und die Todesstarre des Erfrorenen. Zweitens:

Manchmal beunruhigt mich das Gefühl, daß kultureller Verfall, wachsender Wohlstand und zunehmende Bequemlichkeit wohl eng miteinander verbunden sind. Wohlstand und bequemes Leben sind bewußt gewählte und zugleich natürlich vorherbestimmte Ziele menschlichen Strebens. So entsteht ein unausweichlicher, fundamentaler und erschreckender Widerspruch: Im Streben nach Wohlstand und Bequemlichkeit beraubt die Menschheit sich selbst einiger ihrer edelsten Eigenschaften. (455)

Kultur geht, so darf ich den Epigonen Mo Yan wohl hier verstehen, keineswegs im Gleichschritt mit Wohlstand und Bequemlichkeit, also: Zivilisation, Verbürgerlichung, dem Funktionieren alles und jeden. Sie scheint dem allem sogar ganz entgegengesetzt. Doch ist ihm der Widerspruch eben „unausweichlich“: Alle Wege führen in moderne Zeiten und damit in den Verfall der Kultur. Ein pessimistisches Statement für ein pessimistisch endendes Buch.

Doch halt! Ohne die Bequemlichkeit eines Lebens, das sich nicht im Bestellen der Hirsefelder zyklisch erschöpft, dass nicht im sinnlosen Krieg untergeht hätte der Epigone ja von alle dem Vorhergehenden nicht erzählen können. Es dürfte wohl dieses Erzählen sein, das Mo Yan am Ende mit dem Auftrag an den Erzähler meint, der solle unter all der „fremdländischen“ Hirse die eine rote Pflanze suchen. Ich kenne, wie gesagt, viel zu wenig von chinesischer Kultur und Literatur (zu wenig wohl auch von der Geschichte Chinas), aber diese Suche nach der einen Pflanze (in der deutschen Romantik war sie noch blau) scheint mir die Donquichotterie zu bezeichnen, das einer von einem unmöglichen Standpunkt aus an eine Kultur anknüpft, die doch längst verfallen ist, um eben ihn hervorzubringen.

© jeweils: Mo Yan / Peter Weber-Schäfer / Unionsverlag Zürich 2012.

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2 Antworten zu Mo Yan#Das rote Kornfeld#Rückschau#04

  1. rotebastardin schreibt:

    Klebe an dem Zitat von Seite 455. Weil ich gestern inmitten der Gleisbauarbeiten einen Satz fand, ein Foto, das ein Graffity zeigt.

    „Her mit dem schönen Leben“, steht da.

    Und da ich ja nen Anagrammier- oder mindestens Stell-die-Wörter-um-Tick habe, dachte ich gleich:

    Herschönen. Mit dem Leben.

    Es herschönen und -richten. Import.

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    • schwarzertd schreibt:

      Ja, an dem Zitat kann man kleben bleiben. Und vielleicht verzweifeln, wenn man es zu sehr weiterdenkt. Darum habe ich versucht, die Nachgeborenen in die Literatur zu retten. Ein „Herschönen“ (Herrichten+Verschönen; Hinrichten?) in Ihrem Sinne, vielleicht.

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