Wondratschek#Das Geschenk#01

Er ist wieder da. O nein, damit meine ich nicht etwa diese Mediensatire mit auferstandenem Schicklgruber. Das Buch mag ja als „Studienausgabe“ verkauft werden, doch reizt es mich deshalb kein bisschen mehr. (Vielleicht ließe es sich als Beispiel nehmen, wie Andenken, Gedenken und Reiz-Reaktions-Schemata im Umgang mit Nazi-Deutschland funktionieren, aber selbst dafür würde ich es nicht lesen wollen.)

WondratschekWer also ist wieder da? — Chuck. Der „Held“ eines Lyrik-Bandes, der herauskam, als ich vierzehn war. Damals habe ich das indirekt mitbekommen, denn mein älterer Bruder und seine Kumpels waren Wondratschek-Fans. Kurz vor dem Schulabschluss wollte er auch, dass sein Tag mit einer Schusswunde begänne, wollte so cool, rotzig und abgeklärt sein wie Chuck. Ein Name wie ein Faustschlag (lange, bevor Chuck-Norris-Witze kursierten), raue, nicht sentimentale Gedichte übers Boxen, aufblitzendes Begehren, Kneipen und amerikanische Filme: „Café Capri“, „Scorpio“, „Warum Gefühle zeigen?“. Ich kam erst ein paar Jahre später dazu, aber die Faszination dieser Lyrik und ihres Helden war in unserer öden westdeutschen Kreisstadt immer noch so wirksam wie bei meinem Bruder.

Nun, fast vierzig Jahre später, bringt Wondratschek uns Chuck zurück, jetzt in Romanform: Das Geschenk. So hieß auch ein Gedicht im Zimmer-Band, aber Wondratschek stellt dem Roman „Warum Gefühle zeigen?“ voran, in dem Chuck wie ein Satellit die Auren junger und älter gewordener Frauen registriert. Sicher wegen der letzten Verse:

„Chuck, der sein Kind liebt,
das nie zur Welt kommen wird.“

Irrtum! Das „nie“ ist eingetreten: Chuck hat einen Sohn, vierzehn Jahre alt, dem er gleich zu Beginn des Romans auseinandersetzt, dass Geld nicht wichtig sei, während der Sohn eigentlich nur eine Fliege mit einem Papierkügelchen abschießen will und dem Redefluss des Alten nicht so recht folgt. Der damals so coole Chuck auf der anderen Seite der Linie! — Mal sehen, was das wird.

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>> Wondratschek#Das Geschenk#02

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