Daphne

Manchmal Wurzeln
Das Haar
Manchmal Rinde
Das Gefühl
Manchmal Blätter
Die Organe
Das Rauschen
Manchmal Äste
Die Arme
Das Knarzen
Der Wille zu dir
Manchmal wie Harz
Das Blut
Die Möse
Der Schwanz
Das Aufbrechen der Borke
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2 Antworten zu Daphne

  1. schwarzertd schreibt:

    Ich, der Leser, wundert sich bei dieser Metamorphose: Ausgerechnet das Haar als Wurzeln? Doch klar, Haarwurzeln sind ja geläufig. Und doch bleibt die Bewegung der Umkehrung, als würde sich diese Daphne „manchmal“ im Kopfstand verwandeln. Und die Umkehrung zieht sich durch das ganze Gedicht: Als harte Rinde zarte Gefühle, als Blätter in der äußersten Höhe des Baumes: innere Organe.
    Vorher dachte ich, Daphne sei zum Baum geworden, um sich vor dem Gott (oder dem Teufel, je nach dem) zu schützen. Doch nein! Dies Gedicht lehrt: Sie kehrt ihr Innerstes nach außen, wird an der Oberfläche ganz empfindlich. Und sie flieht nicht, sondern will hin, hin zu einem du, im Rauschen, das zunächst einmal für sich zu stehen scheint, dann deutlicher im Knarzen der Arm-Äste — Ast-Arme, die am ehesten an die vielen Bilddarstellungen erinnern, die Daphne mitten in der Verwandlung zeigen. Hinstreben verschlungen in die Beschreibung des Baumes, wie Efeu sich um einen Stamm windet.
    Und dann wandelt sich die Metamorphose zur Metapher: nur noch „wie“ Harz das Blut. Doch Blut bleibt es, und das muss es auch bleiben, wenn schließlich die Geschlechter am Ende unverwandelt dastehen (!) und die Borke aufbricht. Aus dem Baum wird wieder, tja: Mann und/oder Frau. Nur der Titel lässt mich an eine Frau denken, das Gedicht passt auf beide.

    Borke, so haben wir als Kinder den Schorf auf den ständigen Wunden an Knie und Schienbein genannt. Verrindungen, die umgehend aufgebrochen werden mussten. Obwohl es wehtat. Weil es furchtbar juckte.

    Nicht die Verwandlung in den Baum ist das einmalige Ereignis, das dieses Gedicht ist: Sie geschieht „manchmal“, hin und wieder, ab und an, immer mal wieder. Einmalig ist das Aufbrechen, Sich-auf-den-Weg-machen aus dem Zu-Stand des Verwurzelten. Und von da schaue ich auf den Anfang: Die Wurzeln, die den Baum festhalten, sind ja die Haare. Der Kopf, aus dem sie sprießen, das Denken, die Vernunft halten diese Daphne am einen Fleck fest. Aufbruch aber liegt (steht) im Zeichen des Geschlechtlichen.

    Jedenfalls: Ein Gedicht, ein Ereignis, das zu denken gibt!

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  2. rotebastardin schreibt:

    Wahnsinn! Danke. Bin gerade sprachlos. Kommt selten vor. Aber ist schön.

    P.S. Was Sie als Borke bezeichnen, kenne ich als Schorf. Ich geh´ da heute noch gerne dran. Ihn abheben und lösen, schauen was darunter ist. Denn Borke ist doch das, was hinter den Ohren wächst, wenn man sich dort nicht wäscht.

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