Schmerz

P: Ich habe Angst diese Schmerzstelle anzufassen. Also tue ich es nicht.
S: Wie aber duschst du dich dann?
P: Ganz normal. Ich habe gelernt, sobald ich die Stelle berühren muss, meine Wahrnehmung abzuschalten. Sehe ja auch sonst über sie hinweg. Die Hand wird zu einem Fremdkörper. Ich nehme über sie nicht mehr wahr.
S: Das nimmt doch aber den Schmerz an der Stelle nicht.
P: Nein, aber es kommt so auch zu keiner Berührung mit ihm.
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6 Antworten zu Schmerz

  1. Emmanuel Lévinas schreibt in ‚Totalität und Unendlichkeit‘: „Die bevorzugte Situation, in der das Übel, das immer künftig ist, Gegenwart wird – die Grenze des Bewußtseins –, wird im sogenannten physischen Schmerz erreicht. Hier stehen wir mit dem Rücken zum Sein. (…) Die ganze Schärfe des Schmerzes liegt in der Unmöglichkeit, zu fliehen, in der Unmöglichkeit, in sich selbst gegen sich selbst einen Schutz zu finden; sie liegt daran, daß man von jeder lebendigen Quelle abgeschnitten ist. Sie ist die Unmöglichkeit, zurückzuweichen.“ (S.349) P erreicht also nicht nur diese besagte Grenze, sondern überschreitet sie, indem er oder sie die Berührung selbst durch sich selbst leugnet, nichtet, also in das Außen einer als fremd bestimmten Hand delegiert? Allerdings ist es ja unerheblich, das wäre auch mein Einwand, ob die eigene oder eine fremde oder eine Roboterhand die Schmerzstelle, den Schmerz also als solches, berührt. Aber das weiß auch P, will es aber nicht wahrhaben und behauptet Unmögliches, allein um den Schein einer Schutzmöglichkeit als Sprachfigur, als Phantasie in die Welt zu setzen, denn Sprache weitet die Welt über (meine) Grenzen hinaus. (Wittgenstein irrt also vollkommen mit seinem Spruch, die Grenzen meiner Sprache seien die Grenzen meiner Welt, denn er missachtet das Wesen der Sprache und missbraucht sie so.)

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    • schwarzertd schreibt:

      Vielleicht andersherum, Norbert Schlinkert? „Die Grenzen meiner (realen) Welt sind die Grenzen meiner Sprache“: dann hätte Wittgenstein zu kurz gegriffen, Imagination, Fantasie ausgeschlossen. Aber „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“: Darüber wäre nachzudenken, ob und wie sich anders als sprachlich (dauerhaft) denken ließe; und was passiert, wenn in meiner Welt etwas auftaucht, das ich nicht in Worte fassen kann (Kunst z.B.)?
      Vielleicht liegt die Crux aber auch im „meine“ vor Sprache und Welt. Andere Sprache könnte ja erst noch zu meiner werden.
      Wenn der Schmerz zu groß wird, tritt die körpereigene Elektro-Chemie in Kraft. Oder die Sprache breitet ihren Schutzmantel.

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  2. rotebastardin schreibt:

    @beide

    … was passiert, wenn in meiner Welt etwas auftaucht, das ich nicht in Worte fassen kann (Kunst z.B.)?

    Ergänze um:

    Was tue ich, wenn in meiner Welt etwas auftaucht, das ich nicht in Worte fassen kann?

    -Dann könnte die Kunst doch mein letztes Haus sein. Der Säugetiermensch braucht seine Räume. Auch die der Vorstellung. Sonst würde er sich immer nackt und ausgeliefert fühlen, ohne nackt zu sein. Bin ich innen? Bin ich außen? Aber im letzten Haus, da kann man dann nackich sein. Für sich.

    Weil echt nackt bist du erst wieder wenn du stirbst. Oder dich mit Krankheit auseinandersetzen musst. Ah ja: und in der Liebe.

    Hauthäuser. Hautgemälde. Oder Sprache als letzte Haut, wenn es um Schutz geht. Und wenn einer nun ein Sprachschwein ist oder sich seiner Sprache nicht bewusst, werde ich ihm sicher nicht seine letzte Schutzhaut runterreißen. Oder doch? Kann nur meine hinzugeben, die reagierende ist. Man ist im Austausch immer nur so intensiv wie es sich gegenseitig zulässt oder offenlegt. Gerade durch die sog. Leib-Seele-Problematik. Was ja schon dämlich genug klingt.

    Sie nennen es Problematik. Vielleicht ist es aber einfach nur so!

    Hat er, glaube ich, auch so gesehen, der Wittgenstein. Aber da fehlt ja jetzt was anderes. Die Ratio oder der Verstand. Und davon war er doch angefixt. Ich würde sagen, der Rest ist ihm dann dabei mehr oder weniger hinten runtergerutscht. Der frühe Wittgenstein. Der späte Wittgenstein. Ehrlich gesagt, ich hab´ den Studiengang Wittgenstein nie belegt. Und ich weiß auch wieso.

    Gut, es gibt auch ne Wittgensteinklinik für Psychosomatik. Ja,

    aber ich seh´ nicht ein meine Sprachverwendungsbox so aufzuräumen wie der das gemacht hat. Das räumt mein Psychosoma weg. Weg isses dann.

    Allerdings kann ich den Menschen nicht mit dem Rücken zum Leben stehend begreifen, Herr Schlinkert, selbst dann nicht, wenn er leugnet, um sich dem Schmerz, der ohnehin individuell wahrgenommen wird, nicht völlig auszusetzen. Das machen nur wenige. Manche dann sogar exzessiv. Setzen sich mit ihm auseinander. Erweitern ihn. Es ist egal mit was der Leser diese Schmerzstelle auffüllt, sei es Krankheit, Empfindung, Verlust, Sterben, Tod, Leben … Ansonsten: Ja, wie Sie schreiben! Denn ich bin überzeugt, jeder findet seinen Umgang damit und sei es der der Auseindersetzung und Berührung meidet. Auch das ist eine Umgangsweise. Jeder wie er kann, es vermag.

    Ich weiß doch auch gar nicht ob P und S nun Pia und Stefan sind. Oder Patient und Schwester. Ich könnte es auch dingfest machen und sagen: Hier sprechen Psyche und Soma. Zumindest läuft der Dialog unter dieser Zuordnung.

    Kräftigster Satz der mir dazu einfällt stammt von einer Neurologin: Sie glauben nicht was Psyche alles machen kann.

    -Doch! Alles. Ist möglich. Im weitesten Sinne: Embodiment. (Und meine Güte, die Ratio läuft mit. Ist ja auch gut so.)

    Wittgenstein wirkt komisch auf mich. Und wahrscheinlich hat er auch komisch auf die Psychologie eingewirkt, Psychiater und Verhaltenstherapeuten. Außerdem: der war doch genauso Philosoph.

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  3. @schwarzertd: eben dies, dass nämlich das Denken in Sprache und mit Sprache (beim frühen Wittgenstein wenigstens) so sehr im Vordergrund steht, macht die einzelnen Aussagen nicht selten so klein und falsch und ganze Kontexte (mir) widersprüchlich. Andererseits aber schreibt Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus ganz am Ende auch: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“ (6.522), was er womöglich also als ein Außen sieht, dem Menschen eben nicht Innewohnendes. Und dann dies, etwas anmaßend, wie ich finde: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (…) / Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ (6.54) Und dann abschließend: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ (7) Letztlich bleibt mir Wittgenstein, anders als zum Beispiel Novalis, weitestgehend unverständlich – er hätte als Wirrkopf wohl besser Kunst gemacht als sich der Logik und Sprachphilosophie zu verschreiben, denn wenn man schon von Außen nach Innen denkt, dann sollte es auch einen Rückschlagmoment geben, dass es nur so funzt – wobei wir wieder beim Schmerz wären!

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    • schwarzertd schreibt:

      Sie scheinen ja, Norbert S., Ihre Meinung über Wittgenstein gefasst zu haben. Ich kann und will Ihnen da gar nicht reinreden. Wenn er aber, wie Sie zitieren, auch etwas bemerkt, das nicht ohne Weiteres in Worte gefasst werden kann, spricht das für ihn. Das „Mystische“ trifft es auch ganz gut. Mystische Dichter, etwa Johannes vom Kreuz, denken und schreiben genau über dieses Problem: Wie etwas in Worte fassen, das wesentlich nicht auszusagen ist, wie die mystische Erfahrung? (Jedenfalls schweigen sie nicht.)
      Vielleicht hat die mystische das mit der Schmerzerfahrung gemein. Denn die ist auch schwer in präzise Worte zu fassen. Schreibt Lévinas etwas darüber, Schmerz in Worte fassen?
      Übrigens ist der Schmerz oben im Dialog der Bastardin ja zukünftig. P hat Furcht vor dem Schmerz, der kommen wird und dagegen setzt sie die Sprache ein. Wie S sagt: Den Schmerz kann es nicht nehmen, aber die Furcht vor den Folgen der Berührung.

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  4. Ich würde eher sagen, Wittgenstein und ich haben eine etwas gespannte Beziehung – eine ein für allemal fertige Ansicht zu seinen Schriften habe ich jedoch nicht, schon allein deswegen, weil ich ja auch etwas missverstehen kann unterschiedlicher Deutung bestimmter Termini wegen. Was das mystische Dichten angeht, dem Wittgenstein fremd und Lévinas eher vertraut gegenübersteht, so ist dieses ja im wesentlichen als eine Annäherung an den Leser zu verstehen, der zur Verlebendigung des Geschriebenen zwingend seinen Teil der Imagination beitragen muss, sich einfühlen können muss. (Auch der Leser realistischer Literatur muss sich etwas vorstellen können, doch ist dies dann eher alltagsbanal.) Ich denke, diese Art der Annäherung ist, wie Sie schreiben, tatsächlich der Annäherung an den Schmerz durchaus ähnlich, vor allem wenn er erst durch Eigenberührung ausgelöst wird, dem ja ein Wollen oder Müssen gedanklich vorausgeht.
    Was das Fassen des Schmerzes in Worte angeht, so tut dies Lévinas ja durchaus, aber eben nicht mystisch-literarisch, sondern im Duktus des philosophischen Nach-Denkens, des Begreifen-Wollens durch präzises Setzen von Worten. (Ich behaupte übrigens nicht, Lévinas wirklich folgen zu können in seinen Gedankengängen, ich geh immer ein Stück mit und biege dann auf eigene Wege ab bzw. trampele sie mir durch das Dickicht als meine eigenen.)

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