Wondratschek#Das Geschenk#02

Wenig Zeit bleibt für Lektüre, natürlich, in diesen Tagen. Wenn die Ferien näher kommen, werden alle verrückt. Dann muss immer alles ganz schnell erledigt werden, bevor es mit den Kindern irgendwohin geht: Spanien, Schweden, die Rhön… Ich habe keine Kinder und bekomme dafür die Arbeit.

Aber einen Neffen habe ich, der gerade dreizehn ist, ungefährt wie Chucks Sohn im Roman, in dem ich nebenher soviel wie möglich lese. Wegen des Neffen dachte ich auch, ich wüßte, was Wondratschek bringen wird: Das Bocken des Pubertierenden, die breiter werdende Kluft zwischen dem Teilzeit-Vater und dem mit allerhand neuen Medien flugs selbständig werdenden Sohn. Aber so ging es eben nicht, denn er verlässt die Vater-Sohn-Szene relativ schnell in die Gedankenwelt Chucks. Diese Welt des viel jüngeren hatten damals die Gedichte von Chuck’s Zimmer ausgelotet.

Nun geht dem Alten, mit dem neuen Jungen vor Augen, die eigene Vergangenheit durch den Kopf, wie es zu diesem Kind kam und wie es dazu kam, dass es zu diesem Kind kam: Die verrückte Greta, die Zeichnende, gegen ihr italienisches Großbürgertum Revoltierende, die von der Pranke des Zirkuslöwen Verwundete, deren Sterben am unversorgten Wundbrand dieser Verletzung Chuck begleitet hat. Ex ungue leonem: Assoziationen zwischen dem Prankenhieb und einem Boxer drängen sich auf. Ob diese Erinnerung des sodann völlig von Drogen zerrissenen Chuck allegorisch gedeutet werden muss? — Pointierte 20 Seiten füllt Wondratschek mit Gretas Geschichte, und ihr Sterben wird in der nüchtern-lakonischen Stimme Chucks, der jetzt aber am meisten beteiligt ist, so geschildert, dass ich es so bald nicht vergessen werde (78):

Je mehr sie starb, umso stärker wurde sie. Endlich gab es keinen Zweifel mehr an ihrer Zukunft. Sie war mehr denn je überzeugt vom glücklichen Ausgang unserer Liebesgeschichte. Jede Geste war jetzt endgültig. Es gab kein Tauschgeschäft mehr. Das Fieber, sogar die Schmerzen des Wundbrandes am Arm, passten zur Grundstimmung ihres Triumphs.
Ich verfolgte die Stunden ihres Sterbens ohne Furcht, vom Furchtbaren, was geschah, fasziniert. Die durch die fortschreitende und ungehindert sie zerstörende Vergiftung aller inneren Organe verursachte Verlangsamung ihrer Wahrnehmung entsprach nicht nur dem Zeitmaß ihres Gefühls, sondern auch der Intensität, nach der sie sich immerzu gesehnt hatte. Endlich war alles eins: Grausamkeit und Zärtlichkeit, Wahn und Wahrheit, Liebe und Tod.

Wie Gretas Verlangsamung hier zu der des Lesers wird, da er dem plötzlich verschachtelten Satzbau nach und nach folgen muss. Wie die Intensität nicht behauptet, sondern mit den drei Gegensatzpaaren am Schluss kraftvoll gesetzt wird!

© Wolf Wondratschek / Hanser Verlag, 2011

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