Wondratschek#Das Geschenk#03

Doch Greta war nicht die Kindesmutter, ihr Tod war vielmehr der Grund, warum Chucks Drogensucht nun vollends außer Kontrolle geriet. Und die Wahrnehmungen des Junkies, zu dem Chuck wird, die Beschreibungen der Dealer und des Milieus liefert Wondratschek mit seiner knappen Sprache und ist um vieles wirkungsvoller mit als die schrägen Tiraden eines David Foster Wallace. Auch den mag ich lieber, wenn er kürzer schreibt.

Mit der politischen Szene rechnet Chuck so ganz nebenbei ab, den „Leninisten, Daoisten, Spartakisten, dem ganzen Haufen“ (73):

Der Mensch ersetzt durch eine Idee […] Du stellst einem dieser Menschen eine Frage — und es antwortet dir eine Idee. Du kannst es dir aussuchen. Die Idee der Zukunft, die Idee der höheren Vernunft, die Idee der gerechten Sache. Und auch die Bombe ist eine Idee, der schicke Molotowcocktail, der selbstgebastelte Brandsatz. Sie werfen nur so um sich mit Ideen. (74)

Getrost kann man hier annehmen, was wir Halbwüchsigen irgendwann auch von Chuck’s Zimmer gedacht haben: dass ein großer Teil Wondratschek aus Chuck spricht. Das macht Spaß, wenn sein beißender Kommentar dem Literatur-„Betrieb“ gilt, dem der Autor notorisch aber kokett fernbleibt:

Vielleicht spielte, was einer schrieb, erst in zwanzig Jahren was ein oder in fünfzig, oder auch dann nicht. Zum Teufel mit all den Moden, mit einem Markt, der Bücher am liebsten als Stapelware anbot, und Schriftsteller hofierte, die gut für Schlagzeilen waren oder das Zeug zum Fernsehstar hatten. (114)

Dem gegenüber steht ein hinreißendes (ja, das kann aufeinander reimen!) Porträt des „echten“ Lektors:

Einer aus dem Verlag […], der nicht nur die Verkaufszahlen seiner Bücher kannte; einer, der Chuck nicht, wie überhaupt keinen der von ihm betreuten Schriftsteller, danach beurteilte, wie hoch sie waren, wie profitabel für den Verlag. (114)

„Lektor“ meint ja (oder meinte einmal): Leser. Und die Zeichnung dieses echten Lesers gelingt Wondratschek meisterhaft:

Es ist das Lesen ja unbestritten ebenfalls eine Kunst, und keine geringere als die des Schreibens. Sich Zeit lassen! Zeit löschen! Den Körper darauf einstellen, zur Ruhe zu kommen. Immer wieder […] unterbrach er das Lesen und schloß die Augen, weil ihn ein Satz, eine Zeile, eine ganze Seite wegen ihres Zaubers, ihrer magischen Einfachheit, ihrer Vollkommenheit in freudiges Erstaunen versetzte, ein Zustand, der ihn immer noch wie ein Kind glücklich machen konnte. […] Wie war es möglich, fragte er sich, so gut schreiben zu können? Was waren die Mittel, daß es gelang? Er kannte die Antwort nicht, nicht die ganze Antwort; und die vielen kleinen Antworten, wie sie eben waren, ergaben nichts Ganzes. […] Manchmal stand er, ein einziges seliges Lächeln im Gesicht, mit einem Buch in der Hand auf, drehte seine kleinen Runden quer durch ein Zimmer und setzte sich nicht eher wieder hin, bevor er nicht sicher war, sich die ganze Sache für immer, für länger als immer ins Gedächtnis eingeprägt zu haben. (121)

„Sich Zeit lassen! Zeit löschen!“ — sicher fasziniert mich diese Stelle deshalb umso mehr, je weniger ich mir selbst diesen Luxus leisten kann. Ein Profi, ein „echter“ Leser, wird nicht mehr aus mir werden, doch ich werde tapfer weiter dilettieren. Und das Leseglück des manischen Seitenverschlingers, das wenigstens kenne ich. Gerade jüngst ging es mir mit einem echt hybriden Gedicht wieder so!

Aber zurück zu Chuck Vaterschaft. Der Junkie auf Kollisionskurs mit seiner letzten line trifft eine deutlich jüngere Frau. Einen Namen gibt er ihr für die Erzählung nicht, macht aber deutlich, dass er sie als „Ausweg“ gewählt hat: Sie soll ihm das Leben wiedergeben. Und das tut sie, obwohl die persönliche Beziehung sogleich scheitert; Chuck, der ja die Prämisse kannte, wundert das nicht. Ihn wundert, dass er ein Kind und das sogar einigermaßen ordentlich großgezogen hat. Zufälle und Entscheidungen: Von vielen Knotenpunkten hing es ab, dass Chuck am Schluss da ist, wo er ist: am Leben, clean und im Zimmer mit seinem pubertierenden Sohn.

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PS.: Mit dem nach dem Romanende beigegebenen Langgedicht „Sizilianischer Sonntag“ scheint der berüchtigte Macho Wondratschek wider den Stachel löken zu wollen: Denn ab Ende ist gerade die Tochter des todkranken Mafia-Paten die einzige, die gewissermaßen „Eier“ hat. Ex ungue leonem?

© jeweils Wolf Wondratschek / Hanser Verlag 2011

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