Über den Schutzumschlag

So, die wilde Vor-Ferienzeit ist vorbei. Alle kindergesegneten Kollegen und vor allem Vorgesetzten sind im Urlaub, und nun fangen auch für die Daheimbleibenden ein, zwei ruhigere Wochen an. Gleich begonnen, in den freieren Stunden die Bücherregale neu zu ordnen. „Bibliothek“ will ich die in Jahren ungeregelt angeschwollene Büchermasse nicht nennen, denn weder wäre ich ein Gelehrter, noch sammelte ich systematisch. „Wann willst du das denn alles lesen?“ fragt meine Frau für gewöhnlich, wenn wir einmal gemeinsam einen Bücherladen aufsuchen und ich mich zu einem Fischzug anschicke.

Eine berechtigte Frage. Ausgedünnt habe ich in den letzten Monaten, aussortiert, was ich garantiert nie wieder lesen werde und was mir unter diesen zu wenig am Herzen liegt, als dass ich es dennoch um mich haben will. Und jetzt waren die entstandenen Lücken zu schließen, ganze Buchreihen nach oben oder unten zu verschieben und eben: Ordnung zu schaffen.

Dabei nahm ich auch nach Jahren wieder drei Bände in die Hand, die mir Halbwüchsigem einmal ein lieber Mensch geschenkt hatte: Heinrich Manns Romane (außer dem Henri IV.) und Erzählungen. Ihre irgendwo zwischen lind- und grasgrünen Schutzumschläge hatten schon in Regalen diverser Wohnungen und nun eben unseres Wohnzimmers matt geschimmert. Aber erst jetzt fiel mir auf: Sie waren am Fuß des Buchrückens geknickt, oben und unten über den Deckeln ausgefranst und wellten sich zum Teil schon. Kurzerhand schlug ich die Leinenbände aus ihrer Umfassung und entsorgte das Glanzpapier mit seiner charakteristisch schlanken Schrift aus den frühen 1970er Jahren ohne Skrupel.

Doch: Seither stimmt etwas nicht in diesem Regal. Der gewohnte kurze Blick von der Couch hinauf bleibt unweigerlich an dem eierschalenfarbenen Leinen als einem Fremdkörper hängen. Ich muss tatsächlich hinschauen und mir das Grün der Umschläge dazudenken, um die drei Bände als sie selbst zu erkennen. Sicherlich habe ich zehn, zwanzig Jahre oder länger diese Farbe nicht bewusst auf diesem oder jenem Regalbrett (wo sie eben standen) wahrgenommen, aber ihr Fehlen beunruhigt mich. Das Schweifen des Blicks über die Buchrücken, wobei er keinen genau, alle aber irgendwie als diejenigen wahrnimmt, die eben dorthin gehören: es stockt.

Was, frage ich mich, schützt der Schutzumschlag eigentlich? Die Buchdeckel und -rücken, sicher, vor ihren Nachbarn oder dem rauen Holz des Regals. Aber er scheint auch eine bestimmte Erinnerung zu konservieren: Erinnerung an Bücher, die ich ganz nebenbei an ihrem angestammten Platz erkenne, wie alte Bekannte, die immer mal wieder kurz anrufen oder grüßen und deren Existenz mich als solche beruhigt, ohne dass ich mich weiter viel mit ihnen abgäbe. Und obwohl die drei Bücher an sich dieselben sind, werden aus den alten Bekannten nun, allein dadurch, dass sie nicht mehr grün eingeschlagen sind, neue Nachbarn, die sich nicht recht einpassen wollen und mich irritieren, wenn ich kurz aufblicke.

Nach der Regal-Bereinigung und einem zufriedenen Nicken über den erstaunlichen Freiraum, der sich dadurch für neue Bücher (und Schutzumschläge) eingestellt hat, gleich eines aufgeschlagen. Auch dieser Band, Herman Melvilles Pierre, stand bereits länger, doch nicht so lange wie das einst grüne Heinrich-Mann-Trio.

Nach den ersten Kapiteln scheint es sehr schnurrig, zwischen ländlicher Idylle und Heldenepos (allein schon die Einteilung in Bücher!) zu changieren, darin sehr europäisch, doch zugleich so so amerikanisch. Ich weiß nicht recht, woher der gemischte Eindruck rührt, werde mir aber vielleicht noch klarer werden. Immerhin ist sein schöner, weiß-bunter Schutzumschlag noch sehr intakt!

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>> Melville#Pierre#02

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