Melville#Pierre#03

Pierre ist ausgelesen. Ein Stück großer (wie ich jetzt sagen muss) Dichtung, von dem ich am Anfang nicht wusste, was denn zu halten sei (s.o., insofern stimmt der Untertitel or The Ambiguities von Anfang an).

Doch dann, ab dem fünften Buch, nimmt dieser Roman eine Fahrt auf, die ihresgleichen sucht, eine Fahrt, die den Protagonisten unweigerlich in den tiefsten Abgrund führt, und alle, die ihn lieben und ehren nicht minder. Er trifft eine einsame Entscheidung (wie ich sie, nach einem Diktum meiner ehemaligen Schwiegermutter, auch gern treffe) und richtet damit seinen Lebensweg unausweichlich aus — er tut es, wie auch immer der Erzähler das Schicksal und die drei Parzen bemühen möge. Ein junger Mann mit besten Anlagen, mit Schreibtalent, lebensfroh, gesellig, reinen Herzens, wie sonst nur ein Parzival — doch wie dieser anfällig für ein falsches Abbiegen. Wie falsch dieses Pierre Glendinning abbiegt, ist kaum auszudenken und, in der Konsequenz seiner Handlungen, die in einem Todes-Triptychon endet, welches Romeo und Julia (worauf auch angespielt wird) bei Weitem übertrifft, schwer auszuhalten und doch mit solcher Erzählkunst geschildert, dass man einfach nicht aufhören kann; dass ich, in der Zwänge aus Arbeit und häuslichen Pflichten eingespannt, mehrere hundert Seiten in drei Tagen geradezu manisch gelesen habe. Mit diesem Roman zeigt sich Melville in der Schilderung von Millieus, Charakteren, auch Nebenfiguren, Polizei-Wachtmeistern, verarmten Farmern, harmlos klatschsüchtigen alten Jungfern oder hirnlosen aber herzensgebildeten Freunden Pierres (Charles Millthorpe), in ironisch-präzisen Schilderungen des Literatur- und Kulturbetriebs jeden Zoll als einem Balzac ebenbürtig. Darin aber, dass es in diesem Roman keine böse Gestalt gibt, keine greifbare Intrige, keinen Eigennutz, der im engeren Sinne zum Untergang des Titelhelden beitragen würde, kurz: darin, dass alles in der titelgebenden Doppeldeutigkeit verbleibt, gleichwohl eine unausweichlich tragische Wendung nimmt, als deren einzige Ursache man die enthusiasmierte Einbildungskraft eben Pierres benennen könnte, ohne freilich daran echte Schuld zu knüpfen — darin ist Melville dem großen Franzosen um so Vieles voraus!

Ich habe mich durchaus mit Pierre identifiziert, was etwa die enge Bindung an die Mutter angeht, die so hart gelöst wird (zum Glück anders als bei mir), was die Neigung zum Prinzipiellen gegenüber den Faktisch-Opportunen, was schließlich den Schriftstellerberuf angeht: Alles ließ mich bei diesem langen Abstieg des Protagonisten immer wieder zusammenzucken. Ähnlich wie in Malamuds The Tenants, das ich unterdessen begonnen, aber über Melvilles Großtat liegen gelassen habe, greift mich auch hier die Schilderung des Schreibenden an, der ich auch bald wieder sein muss. Aber speziell bei Melville auch die des Träumers, der trotz aller gegenteiligen Anlagen am Leben vorbeigeht: So reflektiere ich über mich, muss nur aufpassen, dass ich darüber nicht wieder in Acedie verfalle. Immerhin habe ich ja noch keinen Urlaub!

Und dann dieser spezielle Stil, in den Digressionen hier und da Jean Paul vergleichbar, in seiner Detailschilderung wie der pessimistische Bruder von George Eliot (wie Pierre Glendinning insgesamt als negative Antwort auf Daniel Deronda gelesen werden kann: weiterverfolgen…), in seinen Neologismen ganz unnachahmlich.

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