Melville#Pierre#04

Ich setze hier noch eine Blütenlese aus diesem wahrhaft großen Roman her, bevor ich mich der nächsten Lektüre zuwende:

Im bukolischen ersten Teils des Roman-Epos, das nur die Fallhöhe zu den letzten beiden Dritteln erhöht, findet sich ein Makarismos der Natur: „Oh, gepriesen sei die Schönheit dieser Erde…“ (62), wie er Jean Paul anstünde.

Der Roman insgesamt ist durchzogen von Anspielungen auf den alten Orient, Ägypten und dann sogar die Vorzeit, wenn Pierre in einem seiner Träume zum Enceladus wird. Prägnant etwa die Orientalismen bei der Schilderung des Liebespaares, das er am Anfang noch mit Lucy Tartan bildet (67):

Da hätte Pierre am liebsten laut aufgeschrieen vor Freude, und die gestreiften Tiger seiner Kastanienaugen sprangen vor wilder Wonne in ihren Wimpernkäfigen. […] Bald zogen die flinken Pferde dieses schöne Götterpaar nach den bewaldeten Bergen hin, deren fernes Blau, nunmehr in mannigfachen Schattierungen von Grün verwandelt, vor ihnen aufragte wie die alten, von Grün überwucherten Mauern Babylons, während sich hier und da in regelmäßigen Abständen, steinernen Türmen gleich, verstreute Gipfel erhoben und die Fichtengruppen auf ihren Zinnen Ausschau hielten wie hochmütige Bogenschützen und mächtige Bewacher der ruhmreichen babylonischen Stadt des Tages.

Nicht ohne Selbstreferenz bringt der Erzähler eine seiner vielen Anreden an Pierre vor, hier kurz nachdem dieser den Brief Isabels erhalten hat (125/126):

Pierre! Du bist ein Narr; errichte neu — nein, nicht nötig, denn er steht ja noch, dein Schrein; er steht, Pierre, steht fest; riechst du nicht den unverflogenen Blütenduft, welcher ihn überwölbt? Ein Brief, wie der, den du da hast, ist leicht geschrieben, Pierre; Schwindler sind doch nichts Neues in dieser sonderbaren Welt; oder ein flinker Romanschriftsteller, Pierre, schreibt dir fünfzig solcher Briefe und entlockt damit den Augen seiner Leser heiße Tränenströme, just wie der Brief, den du da hast, deine Mannesaugen so trocken machte, so glasig und so trocken — närrischer Pierre!
Oh, verhöhnt nicht das erdolchte Herz. Wer erdolcht wird, kennt den Stahl; erzählt ihm nicht, es sei nur eine [126] kitzelnde Feder. Spürt er die Wunde nicht in seinem Innern klaffen?

In höchster Anfechtung und Vision des Antlitzes Isabels zitiert Pierre Dante (153):

Oh weh, Agnel, was ist aus die entstanden?
Du bist ja weder zwei noch einer mehr [Inf. 25,68]

Dies nun fügt sich aufs Feinste — und hier zeigt sich nur eine Facette von Melvilles genialer Kompositionskunst bis ins Detail — zu einer Aufforderung, die Pierre viel später in der Stadt gerade an Isabel richtet (568):

„[…] So, setz dich zu mir Isabel, und sitz nahe bei mir, winde dich hinein in meine Rippen, wenn du kannst, auf daß mein einer Leib Gefäß für zweie wird.“

Melville nutzt immer wieder Vorausblicke, hier sie nur ein besonders prägnanter aufgeführt, der auch am Ende eines Kapitels im fünften Buch steht (169):

So daß Pierre denn […] in eine Wolke von Wohlgerüchen dahinschritt, doch ach! sein Körper war nur das balsamgetränkte Leichentuch des Toten, der in seiner Seele begraben lag.

Auch Shakespeare war nur ein sterblicher und hatte seine Vorbilder. Unter diesem Motto bettet Melville den altägyptischen Memnon-Mythos in seinen Roman ein (239), der als Prä- und Analogtext zu Pierres eigenem Geschick zu lesen ist: „Die Blüte der Jugend, geknickt durch ein zu rares Unglück.“

Zugleich spart der Autor nicht mit bissigen Kommentaren im Blick auf seine Gegenwart (240):

Doch einst hat das in Stein gehauene Leid des Memnon melodiös getönt; jetzt ist alles stumm. Ein treffliches Sinnbild dafür, daß bei den Alten die Poesie alles, was im Leben des Menschen glücklos war, verklärte; in einem geschwätzigen, dürren und prosaischen, herzlosen Zeitalter aber verliert der Klagelaut Aurorens sich im Flugsand, in welchem Grabgesang und Denkmal gleicherweise untergehen.

— Gut, dass Pierre eben diesen Tendenzen der neuen Zeit entschieden entgegengestellt ist!

© jeweils Herman Melville / Christa Schuenke / Hanser Verlag 2002

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