Eine Künstlerin der Selbstkasteiung

Sieben Jahre lang hatte ich sie nicht gesehen, hatte nichts von ihr gehört. Als wäre mein Ende gekommen, als wäre es schwer und schnell gekommen, Tonnenblei, das zu lange über mir schwebte. Gespenster eines weiten Landes prozessierten in einem sich windenden Grau, verschwanden, verschlummerten darin. Im Magen behielten sie Zerberusanteile, Sümpfe und stehende Kloaken. Land nimmt, Land speichert Land, Zeiten, Epochen. Denke, wie lange sie sich nicht bewegen konnte, eingesperrt in einem Karton; sie malte Puppen, als der Winter schon vor der Tür stand, der kein regulärer Winter war, keine Jahreszeit, die sich durch 4 teilen ließ. Diese Puppen mit den klebrigen Abdomen, die sich gegenseitig ein Auge ausstachen oder sich mit riesigen Messern selbst in Teile schnitten, hatten ihr Aussehen über die Jahre kaum verändert. Sie malte sich selbst ohne Haare, aus ihrem Unterleib spritzte Urin und nahm alle Farben des Regenbogens an. Eine Künstlerin der Selbstkasteiung. Auf diesem Wege gelangt, was übrig bleibt, schneller unter die nasse, schwere Erde.

Als ich sie besuchte, fuhr ich mit der Bahn hinauf in den Norden. Ich konnte zwölf Stunden lang keinen Platz ergattern, lümmelte auf dem Boden mit jenen, die ihre Rucksäcke, vollgepackt mit Bier, langsam und beständig leerten.
Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, lag sie betrunken und nackt im Garten meines dreißigsten Geburtstages, sehr blass, wie aus Marmor geschlagen. Jemand trug sie die Stufen nach oben und legte sie in ein Bett. Der Retter wusste nicht, wer sie war, aber das wusste sie ja selbst zu keinem Zeitpunkt.
Sieben Jahre: Das Körpergebäude erneuert sich in dieser Zeit vollständig, man wird ein anderes Wesen sein. Sie hat in dieser Zeit nur durch ihre Bilder gemordet, für die physische Klimax fehlte ihr die Kraft. »Ich male wie du schreibst, von Verrat und Tod«, empfing sie mich in ihrer Kemenate, der Boden voller Glasscherben, Hautfetzen und Blut. »Ich erforsche das Leben nicht, indem ich in Leibern wühle, sondern in mir selbst.« Sie wischte die purpurnen Lachen mit einem Kleid auf, das sie sich danach überstreifte. Ich leckte die Wunden ihrer Beine, es war die einzige Körperlichkeit, die sie duldete. Das Messer, die Scherben, die Zunge.
Danach fuhren wir ins Krankenhaus, um ihre Schnitte nähen zu lassen.

Gestern zur Geisterstunde sah ich mich wieder diesen Zug benutzen, der nach Gefängnis stank. Solange man unterwegs ist, kann man sich nicht auf die Festigkeit des Körpers verlassen. Alles ist vage und die vorbeirauschende Landschaft macht vor, wie Veränderung auszusehen hat.

© Michael Perkampus, Kardinalität der leeren Menge

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s