Unterm Strich: 1 Abbruch und 1 Kitsch-Verdacht

Schwierig, die Lektüren dieser Tage. Über eine Woche habe ich mich herumgeschlagen mit Malamuds The Tenants. Dann musste ich, musste ich abbrechen. Es sind zwar nur knapp zweihundert über Seiten, doch für mich waren sie die reine Quälerei. Zugegeben: Es ist ein unfaires ringen, wenn jedes Buch an Melvilles epochalem Pierre gemessen wird, aber der kam eben just zuvor. Zugegeben: Der Sommer ist Saure-Gurken-Zeit, zu Hause wie auch im Büro. Hier macht sich Langeweile breit, dort will immer irgendwer irgendwas von einem. Wann kommt der Urlaub?

— Aber das ist nicht alles. Dieser Roman ist einfach viel zu konstruiert. Klar kennt der Leser einsame Schreiber, die in ihrer Schreibhemmung beschrieben werden: Jahrzehnte bundesdeutscher Gegenwartsliteratur (gefühlt) zehren genau davon. Doch der Autor des Autors Malamud ist Jude und heißt auch noch „Lesser“ (damit’s der letzte Depp merkt), wohnt allein in einem abbruchreifen Haus, bis der „funky nigger“ (anders lässt sich diese Klischee-Type nicht beschreiben) einzieht, der nicht nur „Willie Spearmint“ heißt, sondern auch noch: Schriftsteller werden will. Ach je! Verkrampft wie selten, habe ich das Buch doch erst zugeschlagen, als die Willies weiße Partnerin auftaucht, die garantiert zum Zankapfel zwischen den beiden Schreiberlingen werden wird. Ihr Name? Irene!!! Ach je, ach je…

Nix, nix, nix. Meine Lebenszeit ist mir zu schade für solche Bouquets von konstruierten Stereotypen; „gewollt“ oder nicht! Und doch: So einen Interruptus der Lektüre ertrage ich schwer. Verschwendung, Enttäuschung, Leere… Was hätte ich in der Zeit lesen können… Doch den nächsten Kandidaten her. Remarque! Berlin statt New York; Zwischenkriegszeit statt der „roaring Sixties“, versehrte Menschen statt klischeeverhafteter Pappkameraden. Oder?

Im Westen nicht Neues hatte ich mit vielleicht fünfzehn gelesen, jung, zornig und vage friedensbewegt. Bewegt auch vom Roman, doch zum Wiederlesen hat es nie gereicht oder nie gereizt. Jetzt aber: Drei Kameraden, erworben letztes Jahr, um dem allgemeinen Buhei um den Ersten Weltkrieg wenigstens etwas Sinnvolles abzugewinnen. Wie sinnvoll es wirklich wäre, würde ich erst nach dem Aufschlagen wissen.

Und? Es zog mich sofort hinein. Wie Robert Lohkamp, der Erzähler, der ohnehin schon betrunkenen Putzfrau in seiner Werkstatt noch einen Rum spendiert: Das waren Typen, wie ich sie kannte. Menschlichkeit ohne Salbaderei, das gewisse Quentchen Ironie, das der Hoffnung immer noch ein Schnippchen schlägt. Und so folge ich gern den drei vom Krieg aus der materiellen und ideellen Bahn geworfenen Kameraden: Robby eben, dem „letzten Romantiker“ Gottfried Lenz und Otto Köster, dem Rennfahrer und Autoschrauber, dem die Werkstatt ursprünglich gehörte. Und dann taucht schon auf den ersten dreißig Seiten die junge, schöne und offenbar aus der Oberschicht leicht abgesunkene Patrice dazu, von der man argwöhnt, dass sie die Freundschaft der drei gehörig durcheinanderbringen wird. Im Grunde sind damit alle Ingredienzen für einen „sachlichen“ aber spannenden Roman aus der Zwischenkriegszeit beisammen. Wenn die Sprache hält, was die Konstellation verspricht: Hier drängt sich doch immer wieder der Verdacht auf, dass Remarque in den Kitsch gerät. Wenn der Mond „wie eine Bogenlampe“ über den Häusern steht (39), wenn „das Mädchen“ (wie Patrice H. meist genannt wird) „wie eine schmale, junge Amazone, kühl, strahlend, sicher und unangreifbar“ eine Konditorei betritt, dann lässt sich das nicht nur mit Robbys vielleicht etwas dröger Phantasie erklären. Da hat der Autor kein gutes Händchen. Nun, immerhin bin ich über den Punkt die Lektüre abzubrechen schnell hinausgekommen.

© Erich Maria Remarque / Kiepenheuer & Witsch 2014.

.

>> Remarque#Drei Kameraden#02

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Druckschwarz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s