Remarque#DreiKameraden#02

Rennwagen, Luxuswagen, Taxi-Droschken. Am Geschäft rund um die Köster’sche Autowerkstatt zeichnet Remarque ein knapp-treffendes Sittenbild wohl der zweiten Hälfte der 20er (Robby wird im Buch 30, war vielleicht 18, als er 1915/16 eingezogen wurde, demnach spielte der Roman 1927). Ein jüdischer Großunternehmer, der jedes Geschäft macht, an dem er verdient, aber beim Geschäftemachen „sportlich“ bleibt und Robby tatsächlich den Cadillac abkauft; ein pomadiger Ankäufer, der bei Versteigerungen kungeln will und von den Drei Ex-Musketieren ausgebremst wird; ein bärbeißiger Gastwirt mit einem Hammer hinter der Theke für schwierige Gäste, der ganz weich wird, sobald Männerchöre vom Grammophon erklingen; der Kunstmaler, der schlecht und recht vom Schuldbewusstsein der Menschen lebt, deren frisch verstorbene Angehörige er in Öl malt; die Taxi-Kutscher, in deren Reihen Robby erst nach einer schnellen Prügelei mit dem Häuptling aufgenommen wird.

Überhaupt beherrscht Remarque die Milieu-Schilderungen, kann mit wenigen Striche Figuren plastisch erscheinen lassen (wo Malamud nur geschwätzig gewesen war), etwa die Huren im Café International, die Robby als ehemaliger Bar-Pianist gut kennt. Doch wenn es um Landschaft, Stimmung oder Gefühl geht, da schlingert Remarques Sprache:  „die Wahrheit war trostlos und fahl, und nur das Gefühl und der Abglanz der Träume war Leben“ (54), „das Leben verwandelte sich in eine schluchzende, jagende Melodie, einen Strudel von wilder Sehnsucht“ (71) und die Krone alten Baumes sei „wie eine riesige, gespreizte Hand, die in einer ungeheuren Sehnsucht nach dem Himmel griff“ (93) oder: „Im stärker fallenden Nebel begann das große Märchen Licht“ (149)! Es häuft sich, wenn die Liebesgeschichte zwischen Robby und Patrice angeht. Denn die edle Dame kurbelt den an sich desillusionierten Rum-Säufer nochmal tüchtig an.

Stutz-1925

Und diese Wendung aus der Automobil-Branche ist mir nicht umsonst unterlaufen. Denn es gibt noch „Karl“, gewissermaßen den vierten Kameraden, einen Boliden unter der harmlos-schäbigen Karosse eines alten Wracks, mit dem Otto Kröger quasi jedes Rennen, ob offiziell oder auf der Landstraße gewinnt (— die Schilderung des Sonntagsrennens aus Perspektive der Boxen gehört zum atmosphärisch Dichtesten bislang). Dieser „Karl“ scheint sich zum Leitsymbol für das hier geschilderte Leben insgesamt zu entwickeln: In den drei Kameraden steckt mehr, als das Auge sieht: in Otto der Ingenieur, in Gottfried der Arzt, in Robby der Lehrer, doch sind sie alle vom Großen Krieg äußerlich und innerlich beschädigt.

(Die Auktions-Szene, 162f., gelegentlich mit A. Schmidt, „Rivalen“ vergleichen.)

© Erich Maria Remarque / Kiepenheuer & Witsch 2014.

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