Remarque#Drei Kameraden#03

„Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto.“
Er sah mich an und lächelte. „Hat schon ganz was anderes dagegen gesprochen, Robby.“
„Stimmt.“ gab ich zu. „Immerhin —“ (39)

Der Krieg ist nicht vorbei. Das zeigt nicht nur die Sprache, in der Drehorgelspieler zu „äußersten Vorposten“ des Rummelplatzes werden, auf dem die drei Kameraden alle Schieß- und Wurfbuden abräumen, nur um ihre Gewinne denen zu geben, die sie brauchen können. Je weiter der Roman sich in der zweiten entfaltet, desto klarer wird, dass die drei zwar Schützengraben, Drahtverhau und Gas entgangen sind, aber immer noch kämpfen. Die sehr körperliche Auseinandersetzung mit den Brüdern einer anderen Autowerkstatt um ein „frisches“ Unfallfahrzeug gerät zum existenziellen Kamp Mann gegen Mann, in dem Jupp (der etwas schlichte Tankwart der Firma) sich bewährt, indem er Robbys Haut rettet. Nicht zufällig befördert der ihn dann zum „Unteroffizier“.

Man merkt es auch an der desolaten sozialen Lage. Nicht, dass Remarque sie penetrant in den Vordergrund rückte, dass er anklagte, oder seine Literatur gar zum Vehikel des Klassenkampfes machte (Sinclair hat da ja traurige Standards gesetzt), er zeigt einfach die Härte des Lebens, die Angst und Versehrungen der Menschen, aber auch Mildtätigkeit und Menschlichkeit, die sich daran entwickeln können. Das Ehepaar Hasse, das ein Zimmer im selben Haus wie Robby bewohnt, stellt beispielhaft die Angst aus: Er schiebt Überstunden, um als Buchhalter nicht gekündigt zu werden und wird doch von der Angst vor dieser Kündigung vollends aufgefressen. Sie leidet unter seiner obsessiven Furcht und Sparsamkeit und ist sich sicher, mit jedem anderen eine bessere Partie gemacht zu haben. So pendelt diese Ehe immer am Rande der Verzweiflung, ohne dass eine Partei wirklich die Schuld trüge.

So fremd liest sich das in heutigen Zeiten gar nicht, da die Angst vor Arbeitslosigkeit Lohndrückerei und Ausbeutung begünstigt; da Mitgefühl und Menschlichkeit vielleicht Verlust- und Auslaufmodelle sind, die demnächst von Anti-Penner-Apps — und, wer weiß, demnächst auch Drohnen — endgültig überrundet werden.

Der Krieg geht weiter, nicht nur für einen gewissen Valentin, der gut geerbt hat, aber das Erbe konsequent versäuft, weil er keinen Tag des Krieges vergessen kann und demnach sein so vielmaliges Überleben zu feiern hat. Er geht weiter, aber auch die Mittel, ihn zu überleben gibt es noch. Im Roman der (Aber?-)Glaube, dass alles irgendwie weitergeht, solange die drei Kameraden am Leben und füreinander da sind (Inklusive des vierten, vierrädrigen Kameraden). Und als fünfter das „Mädchen“, das sich in die Kneipen- und Rennwagen-Welt merkwürdigerweise perfekt einpasst, sodass sogar alte Schläger sich für sie ihre Sonntags-Krawatte umbinden. Nicht zwischen den Kameraden lässt Remarque die Liebesfront verlaufen, sondern zwischen Robby und Pats großbürgerlicher Vergangenheit. Ob sich aus diesen vielen Fesseln der Vergangenheit in eine Zukunft entkommen lässt?

© Erich Maria Remarque / Kiepenheuer & Witsch 2014.

.

<< Remarque#Drei Kameraden#02

>> Remarque#Drei Kameraden#04

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Druckschwarz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s