Remarque#Drei Kameraden#05

Dahin, wohin es führen musste. Von Streptomycin konnte man 1927 ja noch nicht mal träumen. Pat verlebt ein paar intensive Monate mit Robby in den Kneipen, auf der Rennbahn und schließlich auch in seiner bescheidenen Wohnstatt, doch dann schickt ihr Arzt sie ins Sanatorium. Rob bringt sie hin, muss aber nach wenigen Tagen wieder nach Berlin zurück, wo er sein altes Schrauber- und Nachtleben wieder aufnimmt. Die Furcht vor dem Unausweichlichen kann er aber nicht ertränken. Die „Liebe mit soviel Schwermut, Furcht und schweigendem Wissen“ (345) lässt es nun nicht mehr zu, dass er so schopenhauerisch hoffnungsvermeidend vor sich hin lebte wie zuvor.

Die Nebenhandlungen kippen, je länger, je mehr, ins Absurde oder Tragische: Hasse, der ängstliche Buchhalter, bekommt von seiner Frau die Trennung brieflich mitgeteilt, und zwar am Morgen nach dem Tag, an dem er auf eine sichere Stelle befördert wurde. Wenig später hängt er am Fensterkreuz… Wie nebenbei, aber deutlich, kommen politische Verhältnisse zur Sprache, ohne dass der Autor Parteien nennen müsste: Der „letzte Romantiker“, Gottfried Lenz wird von seinen Kameraden aus einer gesprengten politischen Sitzung gerettet, dann aber auf offener Straße von einem Killer-Trupp erschossen. Der Bann ist gebrochen; da ist Pat schon im Gebirge.

Und Remarque, der sich jetzt von jedem Kitsch freigeschrieben zu haben scheint, zieht die Handlung bis zum Ende durch: Um Pats letzten Wochen zu finanzieren, verkauft Köster „Karl“ an einen Konkurrenten und schickt Rob das Geld ins Sanatorium. Die Werkstatt der drei ist schon konkurs und versteigert.

Robby blickt dem „irren Gott“ ins Auge, „der das Leben und das Sterben erfunden hatte, um sich zu unterhalten.“ (520) Ein anderer Gott als der, aus dessen Kreuzgarten die Kavaliere wenige Wochen zuvor noch Rosen gemaust hatten, um Pat eine Freude zu machen. Auch die verblüht nun; auf die paar Sanatoriums-Kapitel, die nur Remarques Abstand zum Zauberberg-Autor zeigen, kommt es nicht an. Nur auf die letzten Seiten, in denen der Kamerad seinen „alten Burschen“, wie er sie immer wieder nennt, in den Tod begleitet. Während Wondratscheks Chuck mit Interesse dem Sterben zusah, schwindet Rob unter den Händen alles, was ihn sein beschädigtes Leben wertvoll macht. Endgültig. Und er bleibt, wäscht, kämmt und schaut seine Geliebte an, bis sie es nicht mehr ist.

Gut, dass Remarque seinen Roman damit enden lässt. Und nach Besichtigung des Anhangs in der Neuausgabe: Gut auch, dass er das anklagend-erklärende erste Kapitel schnell wieder gestrichen hat. Da war zuviel Sinclair drin. So führt der Roman just zu dem Punkt, an dem ein anderes großes, ja verstörendes Buch über das Sterben beginnt: Die Annäherung an das Glück. Eine solche ist für die verbliebenen zwei Kameraden allerdings nicht wahrscheinlich.

© Erich Maria Remarque / Kiepenheuer & Witsch 2014.

.

<< Remarque#Drei Kameraden#04

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Druckschwarz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s