Chimären III

Unstet das Klirren der Nerven; ungestimmt nehme ich eine sitzende Position ein, Laken und Wasser, Schuppen, am Bauch abgerundet, nicht gekielt. Die Lasur des Schweißes ist ein Wellenkamm, die Pleura hinkt, unter die Oberfläche der turmhohen Wäsche gedrückt, geschlürft ein nackter Traum, eine Attacke des Lebens gegen die Suffokation, gegen unstillbaren Durst. Die Tür schließt nicht mehr richtig gegen den Wind, springt aus der Wiege, Tanzpartner eines flüchtenden Gastes, der zum Fenster eilt, durch den korallenroten Giebel zurückstiebt. Es ist still im Zimmer, dreckiges, orangenartiges Licht dringt durch das verschmierte Zimmerfenster über dem Bett, um sich im ganzen Raum wie ein giftiger Dunst auszubreiten. Die eigene Stimme, die sich anhört, als käme sie aus dem Trichter eines Grammophons gepoltert. Ich befinde mich in Blickkontakt mit der leeren Stelle neben mir, zerwühltes Stalingrad, berühre den Abdruck der Leere in der Hoffnung einer plötzlichen Materialisation.
Sie hat die Tür geschlossen, wie sie das immer tut, mit der gleichen Sanftheit; die berührte Tür, das verlassene Ich, die überflogene Treppe nach unten, hinein in die schlechte Luft, zu Schildern und Laternen. Das Licht ist ein Ersatz für ihren Körper, der es verdient hätte, nackt durch die Lüfte zu schweben, frei von allen Konventionen des Fleisches. Wenn sie nicht hier ist, dann ist sie diese Frau, reines Hirngespinst, Traum, Einbildung. Die Welt ist ein merkwürdiger Ort, wir erfinden nur, was immer schon da war. Das Geheimnis des Alterns hängt mit unserer Programmierung zusammen. Jeder Tag, jedes Abenteuer behält sich ein wenig Energie von uns zurück. Erinnern wir uns, holen wir die Energie zurück, so wie man einen Koffer zurückholt, den man absichtlich zurückgelassen hatte. Aber das Erinnern selbst ist nur das Erfinden von Erinnerungen. Menschen sind ungewollte Schatten. Sie geistern über die Erde, die selbst nur vage Umrisse hat. Bliebe ich hier in diesem Bett liegen, was würde dann in der Zwischenzeit mit der Welt geschehen? Wenn ich mich nicht bewegen würde, keinen Wind erzeugen, wenn mich niemand sehen könnte, niemand vergessen müßte?
Drückt man ein Kaninchen unter Wasser, erhebt sich das Volumen über sein eigentliches Niveau, nimmt die Masse der Materie ‹Kaninchen› auf. Auch wenn es unbedeutend scheinen mag: wohin dehnt sich das Universum aus mit mir darin?

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