Chimären IV

Ist das meine Zeit danach? Wenn du mich verlassen haben solltest, wer hat mich dann verlassen? Ich durchwachte die Nächte, vermehrte meinen Schmerz durch die Lektüre absonderlicher Dichter, gezeichnet von Halluzinationen, vom Staub, der sich auf den Abtritten sammelt, Fußspuren im Sand gleich, die sich mit Schaum füllen, wähnte mich in guter Gesellschaft, und war doch heruntergekommen, wie ein Mensch, der sich gehenläßt, nur sein kann. Lausche ich nicht seit Monaten den Wassertropfen, streichle den feuchten Schimmelpilz an den Wänden?
Dieses Haus, wie der Magen eines ausgeweideten Tieres, in den Rinnstein vor der Schlachterei geschmissen, barg dreizehn gallgrüne Zimmer mit jeweils zwei von einer Nikotinpatina zur Blindheit berufenen Fenstern. Ich sage Fenster, doch waren es Augen, geweitet vor dem, was sich einst auf den jetzt leergefegten Straßen abgespielt hatte, nach innen gekehrt, ausgelaufen wie angestochener Eidotter. Es waren die fürchterlichen Narben, die den unseren glichen. Es waren die Entbehrungen, die Abwesenheit von Sinn, die ihren milchigen Nebel ausmachten. Die Zeit ist ein großes, böses Ding. Es ist diese Verwandtschaft mit dem Leib der Fassade aus Glas und Beton, aus Unrat und abgestorbenen Seelenkammern, stinkend wie altes, in Verwesung übergegangenes Blut, blasphemisch aufgebläht, ein Schwamm, transformierend von zuvorkommender Höflichkeit zur leibhaftigen Qual des Erstickens.
Wie dieses Haus gab es viele Häuser, die nicht in direkter Nachbarschaft zueinander standen, eingehüllt in die Abgase frevelhafter Gedanken, vom Wind aufgewirbelter, zu Staub gemarterter Leichenteile. Willkommen ist der taumelnde Tod! Die Fetzen seines Staubmantels rasierten die verkrüppelten, blattlosen Sträucher und Bäume, Ruinen einstigen Lebens. Die Sense schürfte rostig und stumpf über zerbröckelte Bordsteine in dieser Kloake einer menschlichen Siedlung, die Erlösung durch die Hand eines Mörders verdient hätte.
Aber der Tod war in Wirklichkeit nur der Dreck, der von den Bergen geblasen durch die geschlagenen Schneisen pulverte.
Als sie ging, zerriß die Zeit. Ein Reißverschluß neben meinem Ohr wurde entweder geöffnet oder geschlossen. Von diesem Zeitpunkt an war ich allein.
Ich betastete meinen Schwanz, zog die Vorhaut zurück und rieb meine Eichel mit Daumen und Zeigefinger ab, bevor ich daran roch. Ich fand die üblichen Bocksgerüche der Zersetzung von Samen- und Vaginalflüssigkeit, die ich schnupperte und die ich dann am Laken abwischte.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tafeln veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s