Von Drachen (für M. und L.)

Jeder Mensch hat, von der Zeugung bis zu seiner Geburt, zwei Drachen, die miteinander kämpfen. Einen schwarzen und einen weißen. Zwei, die sich gegenseitig in den Hals beißen. Manchmal auch mit ihren Stirnen aneinander ruhen weil sie vom Kampf sehr müde sind. Bei manchen Menschen dauert der Kampf dieser Drachen länger, bis über ihre Geburt hinaus. Das sind dann ganz besondere, sich in Stärke gleichende Drachen, die ihre Ausdauer von dir haben. Von dir und deinen Eltern. Manchmal auch von Schwestern und Ärzten, wenn es in ihrem Beruf besonders fähige Menschen sind, die sich um dich kümmern. Denn auch sie, so, wie du jeden Handschlag von ihnen bemerkst, den sie tun, um dir zu helfen, werden von den Drachen bemerkt. Jedes Augenzwinkern und Lächeln nehmen sie wahr. Aber auch die Ratlosigkeit, Müdigkeit und Sorgen. Beide Drachen gleichermaßen. Denn so schwarzweiß ist das mit dem schwarzen und weißen Drachen nicht. Beide tragen Leben und Tod in sich, haben ein Herz, das schlägt. Auch sie hören, wie ich es auch jetzt noch tue, den Wind wie das Meer im Treppenhaus an die blaue Stahltür neben dem Schwesternzimmer branden. Man hört ihn nur nachts, wenn alles leise und dunkel ist. Habe ihn oft gehört. Dann stellte ich mir immer vor wie beide Drachen, wenn du schläfst, ihre Köpfe aus dem Dunkel hernieder senken, ganz nah an dein Gesicht, das sie schnaubküssen, damit du ruhen kannst und auch sie ein wenig ruhen können. Denn das tun sie wirklich. Dann nämlich sind ihre Schwänze ineinander verschlungen, dann betrachten sie den anderen ganz friedlich und seelengleich.

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Gibt viele Drachen da draußen. Jeder hat zwei. Bei den meisten aber kommt der zweite erst wieder am Lebensende hinzu. Dann erinnern sie sich an dich und wie das war. Hören den Wind wie das Meer wieder branden. Sind Drachen der Lüfte. Sind deine. Sind Drachen der Geburt.
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2 Antworten zu Von Drachen (für M. und L.)

  1. schwarzertd schreibt:

    Das ist ein berührender Text. Vielleicht gerade, weil ich mich in letzter Zeit frage, ob sich bei diesem oder jenem (in Bild gesprochen:) der zweite Drache schon rührt.
    Bekenntnis: Ich lese in diesen Tagen lieber hier, die „Chimären“ im Dialog mit „Wo bin ich gewesen“, als zwischen zwei Deckeln. Kann mich auf lange Texte nicht einlassen. Schon gar nichts druckerschwärzen.

    Danke, aber, dass ich dank Ihnen nicht ganz ohne Literatur bleiben muss.

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  2. rotebastardin schreibt:

    Ich danke Ihnen! Aber was da steht, ist nur die Wahrheit. Man solle nicht glauben, ich flüchte mich da draußen in eine Phantasiewelt. Meine Seele ist zu einem Teil zwar noch Kind aber phantasieren tu ich nur heimlich für mich.

    Ob sich der zweite Drache schon rührt, sollte niemanden davon abhalten, sich selbst zu rühren. Jederzeit und immer. Nicht erst spät. Zuwendung ist heilsam. Salbt die Seele. Ist Lebensplus.

    Schwärzen können Sie wann immer Sie mögen oder können. Jederzeit und jederzeit auch nicht. Ich peitsche nicht. Das wäre ja noch schöner.

    Sie sind feinsinnig, lesen die Texte im Dialog. Ich auch.

    Grüße Sie herzlich,

    read An

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