Chimären VI

Draperie des Mondenscheins. Wasser nicht still, bewegt vom Schunkeln der Erde, angestampfter Baggersand, Moon am Schlafen. Eine Kulisse wie um die Grotte von Vaucluse. Bildungen des Zufalls sind Bilder der Schönheit, Erdspalten und Grotten ein Synonym für das Weibliche. Das wußte auch Petrarca, der hier in die Quelle der Sorgue blickte und seine Laura besang (Anselm Feuerbach hat‘s dann gemalt). Die Erde ist voller Löcher, wie ein vom Furzen durchsiebter Käse. Warum sollte nicht eine vergessene Rasse, deren Stammvater ein Talpa ist, da unten leben, Ölkerzenalleen anlegen, der Mittelpunktsonne huldigen, angepaßt mit Schaufelrädern an den Flanken, tellergroße Membrane an den Wangen, das Gehirn eines Pottwals, trockene Ursuppe, Bruder Ozean, die See hier vielleicht eine Toilette, denk’ mal dran, wer alles unter Wasser defäkiert und dann erinnere dich an das Paradies, das kannst du, es ist alles in unseren Zellen gespeichert, wir sind fleischfressende Mikrochips. Das Hirn, die Fleischmaschine. Das Leben existenzlos, auch die Welt: existenzlos.
Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Badewasser verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln, die Grenzfälle beim Rauschen störe, den Fluß aus Hautschuppen, Talg und Fußeln dem Fortschnellen anheimgebe. Ungeahnt die Nähe nichtanwesender Personen, unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister; Symbole, konturlose Skulpturen, einer Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen.
Technicolor der anderen Welt. Ein großes Gemälde unterworfener Momente, ein geiferndes Trugbild. Beschlagen von Zweifeln walten die Sinne darin. Duktus der Augen, die dieses Bild entstehen lassen. Die Nacht mit ihrem Schlund, am Mark sonnenverbrannter Gedanken saugend, durch Tagpartikel aufgeladen.
An der Wand befinden sich Blutspuren, ein zufälliges Gemälde, streng in Ocker lasiert. Den Hintergrund stellt ein dreckiges Weiß, ein Hügel, deine Scham. Ich befuhr dich mit einer motorisierten Zunge. Ein Niemandsland bist du, in meiner Vision ein Landstrich eklektischer Provinzen. Doch du bist nicht da. DA sein bedeutet mehr als die Phantasterei zwischen Halbschlaf und Kontrollprogramm. Kalter Schaum schwemmt dein Bildnis (die Kähne, das Papier Bazooka-Joe) in den Ausguß, durchdrungen vom Abfall meines Gesichts. Die Zunge liegt wie ein Rebus in meinem Mund, wie ein angekettetes Tier am Gaumen, Sprache nicht möglich.
Diese Zunge steckte schon überall in dir, gut aufgehoben, warm umschlossen. Dein Körper ist Gestalt, dein Körper ist Gericht in seiner Abwesenheit. Die Klänge deiner Vergangenheit vibrieren im Spalt unserer Lagerstatt, meiner Lagerstatt, deiner Lagerstatt. Ich spreche mit dem Schaum, den du mir hinterlassen hast, spreche die Worte, ohne sie zu berühren. Jetzt sage ich sie wie unter dem Zwang, zu erbrechen. Ich sibiliere sie. Ich spreche und ich sage nichts dabei, sage nicht: Ich liebe; nicht, daß ich dich liebe, nicht, daß ich dich lieben könnte, sage nicht, daß ich mir wünsche, dich zu lieben, nicht, daß ich dich gern geliebt hätte. Ich sage deshalb nichts, spüre deinen Schaum aus nächster Nähe in die unbekannte Schlucht hinabtropfen. Ein zusammengefalteter Himmel liegt vor dem Fenster, ein Himmel voller Reklame für einen beginnenden Tag.

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