Chimären VII

Die Erdachse hält auch heute dieser irrsinnigen Geschwindigkeit stand. Du lächelst. Zumindest deute ich, du würdest lächeln, wenn du jetzt hier wärst. Wir benutzen das gleiche Herz, sind das Ganze, sind nicht du allein, nicht ich allein. Ich hänge über dem Weltenrand, baumle an meinen langen Tagen, den Nächten im Sumpf, erkenne mich wieder in den nackten Träumen, den geschnitzten Masken zwischen der Sonne und mir, durch hölzerner Augen Licht, durch hölzerner Nasen Staub. Meine Leidenschaft ein Fluch der Götter. Wo frevelte ich sie, Göttin, dich?
Herausfallend, sich wieder finden auf den Straßen, die nicht darüber entscheiden, wo ich ankommen werde, die dennoch den Enthusiasmus wecken, in die Ferne zu ziehen, und sei es nur, um dort gewesen zu sein, um sich dort fremd gefühlt zu haben. Dem Horizont entgegen schlängeln. Die Straße selbst kommt nie an. Ich bin es, der Einzug hält. Aber wo? An welchem Ort? Es sind nur Agglomerationen. Die Wege halten stets eine Stadt bereit, die wie ein Organismus funktioniert. Ihre Gesetzmäßigkeit unterliegt je nur dem Chaos.
Die Figuren umkreisen das Zentrum ihres Universums, in dem die Zeit aufgehoben ist; vordem hatten die Zeiger einer Uhr die Ränder aufgebracht, scharfklingig, mit erstaunlicher Lust, ein Gemetzel anzurichten, das jetzt noch nicht wahrzunehmen ist, ein Meer, Ebbe und biegsame Flut, ein Universum, randgefüllt mit Wasser. Aus einer unsagbaren Ferne wehen die Klänge dickbreiiger Musik heran, die Sprache eines Pentagruel im Wasser auf der Suche nach der Flasche, das Rätsel des Raumes. Ich könnte mich erinnern, aber ich erinnere mich nicht an den Tag, der aus einem fortschreitenden Abend bestand. Das Gras roch wie nächtliche Haut, Dosen schepperten gegen Steine und Hausbeine. Wir sind wie aufgeklappte Schilder, tugendhafte Gespenster, wir beanspruchen Sichtbarkeit nur für den mitternächtlichen Moment, wiederholen das Spiel der Jahrhunderte (die Taschen gefüllt mit Froschskeletten) mit Händen, die in eine Richtung deuten, die es längst nicht mehr gibt, entschwunden im Geröll unzähliger Geschichten, die alle dasselbe meinen: die Grenze möglicher Wanderschaft. Als ich mich umdrehte, sah ich etwas, über das ich nie Worte verlor. Die Ereignisse müssen sich, nur unterschiedlich benannt, für immer wiederholen. Ich sah wieder den Winter, ich sah wieder den Sturm, Halkyone und ihr Gatte Keyx bereits in Eisvögel verwandelt. Kein Ruf, den man der Nachtigall stielt, nur zwei Menschen sind alle Menschen, nur eine Insel ist ihr Bett und nur das Schweigen ist ihr Tod. Das Geräusch deiner Bewegung, wenn du nicht mehr bei Sinnen bist, wenn du glaubst, daß die Tore sich bald weit öffnen werden, große Tore, so groß wie hoch wie weit, da kommen wir her, aus dieser Erinnerung wölbt sich ein Vorhang aus eisigen Nüstern hervor, das Pferd von Füssli entsteht.

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