Auch ich

Was glaubst du, Mensch, ist dein Menschenleben, dein Geschlecht, noch wert, wenn du nicht wagst zu leben, Leben nicht wahrnimmst, wenn es ist?
Ich verrate es dir: Nichts.
Ich weiß, dass ich es nicht mehr schützen wollen würde. Ich würde nicht mehr plädieren für dich, wenn man dich vor die Hunde gehen ließe. Ich würde zuschauen und denken: die Hunde immerhin wissen noch, was sie wollen, und erschrecke doch sehr darüber, dass das so für mich geworden ist.
Du tötest mich. Daher.
Keinen warmen Gedanken. Keinen einzigen Wortfunken habe ich noch für deine Gewalt. Man hat dich mir völlig aus meinem Blut gewaschen. Hat mich angefasst, auch ohne Hände. Denn ohne ist jede Gewalt noch gewaltiger. Niemals aber habe ich dir erlaubt mich so anzufassen. Denn Menschsein heißt nicht: Ich nehme mir.
Zu dürfen.
Einem Menschen begegnen dürfen, das ist das Einzige, was ich dir zur Gänze anbieten kann.
Die letzte Bastion ist tatsächlich mein Geist. Dir, deinen Hunden, entzogen.
Ich wünschte, ich könnte über diesen Gedanken hinauskommen. Aber ich kann es nicht. Weiß auch nicht, ob ich es noch werde.
So wittern sie auch mich.
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tiraden veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Auch ich

  1. Beckmesser schreibt:

    Oha, was für ist eine Abrechnung! Stark! — Ich traue mich kaum, ein paar Nachfragen zu stellen:

    Wäre als Titel „Auch mich“ nicht besser, übereinstimmend mit dem letzten Vers?
    Ist „mir aus meinem Blut“ nicht redundant, sprich: „mir aus dem Blut“ reichte?
    Die Formulierung „dir zur Gänze anbieten“ stört mich. Gäbe es da nichts, was nicht nach Beamtendeutsch klingt?

    Gefällt mir

  2. Nymphenbad schreibt:

    Seit wann muß ein Titel mit irgendetwas im Text übereinstimmen? Ich frage mich das, ohne daß es mir zusteht, einen Text, der nicht der meine ist, zu verteidigen, weil ich mich immer frage: was will ein Kommentator, der solch einen Kommentar von sich gibt? Will er Lehrer sein, will er mitarbeiten, obwohl er nichts zu sagen hat? Will er das Verstehen erst einmal übergehen, so tun, als stünde es ihm zu, nicht verstehen zu müssen? Oder will er seine Sprache gepflegt wissen auch von anderen?

    Gefällt mir

  3. Beckmesser schreibt:

    Ich habe, Nymphenbad, verstanden. Ich erkenne eine Absage an die Menschheit, wenn ich sie lese; auch, dass sie zum Teil wider willen geschieht.
    Wenn Ihnen das sprachlich „zur Gänze“ gefällt, bitte_schön. Hier werden Texte eingestellt mit der impliziten Einladung zu kommentieren. Diese Einladung nehme ich an, weil ich Texte und Sprache Ernst nehme. Wenn Ihnen das nicht gefällt, ebenfalls: bitte_schön.

    Gefällt mir

  4. Nymphenbad schreibt:

    Ich will Ihnen gar nicht unterstellen, daß Sie Texte nicht ernst nehmen (hier Adjektiv, klein, weil ich weder Ernst noch Hans meine), und daß Sie kommentieren sollen, wollen und können ist ebenfalls nicht Teil meiner, zugegeben, persönlichen Frage, die mit dem zur Disposition gestellten Text erst einmal nichts zu tun hat. Die Frage ist vielmehr, ob Ihrer Ansicht nach Ihr Kommentar tatsächlich ein meinungsbetonender Text ist, also eine subjektive, persönliche Meinung zum Sachverhalt als Kernaussage des Textes trifft, denn das bedeutet ‚Kommentar‘. Sie aber bedienen sich einer rabaukenhaften Einmischung in den Sprachgestus, die man aus Hausfrauen-Literaturforen kennt. Was also am ehesten einem Kommentar entspräche, wäre: „Oha, was für ist eine Abrechnung! Stark!“ Leider erfahren wir nicht, was ’stark‘ in Ihren Augen ist, aber genau das wäre zu leisten. Aber ich fürchte, Sie wollten eben nicht kommentieren, wie Sie das so selbstverständlich dahersagen, sonst hätten Sie es doch getan, oder nicht?
    Und, nein, Zur Gänze ist kein „Beamtendeutsch“, sondern einfach nur stilistisch unschön und mit ‚gänzlich‘ wertvoller. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, wie Sie mittlerweile vielleicht wissen.
    Grämen Sie sich nicht über mein Intervenieren, auch mir geht es schlußendlich nur darum, Verhaltensweisen besser verstehen zu lernen. Und Sie boten sich da gerade an.

    Gefällt mir

  5. Beckmesser schreibt:

    Gram, Nymphenbad, liegt mir ganz fern. Bei Ihrer offenbaren Kenntnis von Internet-Plattformen für Lebenshilfeliteratur und Haushaltsfragen muss ich mangels Interesse schlicht passen. Erlauben Sie mir aber noch ein Replik auf Ihre Bestimmung von Kommentar:

    ein meinungsbetonender Text ist, also eine subjektive, persönliche Meinung zum Sachverhalt als Kernaussage des Textes trifft

    Ob dies eine belastbare Definition ist, scheint mir doch zweifelhaft. Und um wieder auf read Ans Text zu kommen: Ich habe auf ihn zunächst einmal emotional reagiert. (Daher die ungewohnt vielen Ausrufezeichen.) Dass Sie nun sogleich analytische Begründung von „Stark!“ einfordern, spricht für Ihre zerebrale Ausstattung, doch weniger für Ihre Empathie. Ich will aber, um Ihrer persönlichen Frage willen, einmal versuchen, die Stärke des Textes aus meiner Sicht in Worte zu fassen. Pardon, wenn es dabei abermals um Sprache geht:

    Stark ist nicht allein das Thema (über das wir uns offenkundig einig sind), stark auch der Anfang, eine die ganze Menschheit herausfordernde Frage und sogleich die Ablehnung.

    Viel stärker aber ist z.B. dieser Satz gelungen:

    Ich würde zuschauen und denken: die Hunde immerhin wissen noch, was sie wollen, und erschrecke doch sehr darüber, dass das so für mich geworden ist.

    Warum? Weil zwischen dem Irrealis des „würde“ und dem Realis der „erschrecke“ nur ein Komma liegt, kein Punkt. So zeigt die Sprache hier, wie die Imagination eines lässig betrachteten Menschheitsunterganges gleichzeitig mit dem Schrecken über diese Imagination einhergehen kann. Denn — siehe den Nachsatz —: Imagination ist gewordene Wirklichkeit.

    Sehr stark ist diese Wirkung gerade im Wechselspiel mit dem Stakkato der Parataxe in „Du tötest mich. Daher.“ oder „Keine warmen Gedanken. Keinen einzigen Wortfunken…“ (Sie werden bemerken, lieber Nymphenbad: Ein schlechterer Beckmesser als ich, vielleicht aus den Hausfrauen-Foren, hätte hier an der Grammatik herumgemäkelt, à la: das seien ja gar keine finiten Sätze etc.; solches liegt mir fern.)

    Schließlich ist es das Ausgeliefertsein, das aus dem letzten Satz dieser Prosa spricht, das mich ergriffen hat. Hier fängt die Autorin in einem simplen Satz (Prädikat—Subjekt—Objekt) das ganze dialektische Problem einer Menschheitsverdammung ein: Dass wer sie verdammt, zugleich sich selbst mit preisgibt; und wenn nicht (wie hier), dann aber der Menschheit und ihren „Bluthunden“ ausgesetzt bleibt.

    So, käme das Ihrer elitären Eingrenzung von „Kommentar“ ein wenig näher?

    PS.:

    „Ernst / ernst“: touché!

    „schlußendlich“ allerdings scheint doch furchtbar pleonastisch: „endlich+schließlich“?

    Gefällt mir

  6. Nymphenbad schreibt:

    Doch, Sie befrieden mich, und ich denke weiter: so können wir das stehen lassen. Read An hat jetzt einen kleinen Diskurs unter ihrem Text, den uns das Neoliterarische Quartett erst einmal nachmachen muß.
    Eines lassen Sie mich aber noch sagen: Ich kenne derartige Foren tatsächlich, und Schlimmeres, sonst könnte ich solche polemischen Aussagen nicht glaubhaft treffen. Ob „Erste Blutung“ oder die richtige Zubereitung eines Entrecôte, die Frage: Ist Gott schwul? oder „Wie viel Zucker brauche ich für eine Tischbombe?“ – all diese Pataphysiken ziehen nicht spurlos an meinem geplagten Auge vorbei.

    Gefällt mir

  7. rotebastardin schreibt:

    @Beckmesser

    … mir aus meinem Blut … Keine Redundanz, die mich stört. In diesem Fall nicht. Lese ich es, wie Sie es vorschlagen, finde ich es weniger kräftig.

    Auch mich: Das war sogar meine erste Idee. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich mit diesem Titel viel mehr sage. Auch ich: Das Ich ist, aufgrund(!) dieses Gedankens, genauso bedroht. Weil es weiß, die Hunde wittern es auch, und auch nur deswegen. Der Titel hebt diese Erkenntnis und Selbstbezichtigung hervor. Und so plädiert das Ich ebenso wenig für sich.

    Zur Gänze … Ist überhaupt verzichtbar.

    @Nymphenbad

    Auch gänzlich ist eher Kompromiss.

    @beide

    Danke. Für diese interessante Diskussion. Wann kommentiere ich, wann tue ich es nicht. Und ausgerechnet unter diesem Text. Wenn ich das mal kommentierend anmerken darf.

    Kommentiere ich, dann ist das ebenso zur Disposition gestellter Text, über den kommentiert werden darf. Das Kommentierte kommentieren.

    Was aber ist mit stilistischen Fragen und Anmerkungen zu einem Text? Denn zur Gänze, wir sind uns einig, ist wirklich nicht schön.

    Verzeihung, ich freue mich, obwohl Sie sich beide nicht wirklich grün sind, aber ich lese sie ja auch aus meiner Position. Sie Mensch! Und Sie auch, Sie Mensch!

    Gefällt mir

  8. Nymphenbad schreibt:

    Drei Möglichkeiten des Komplettprogramms:
    Ich gebe mich dir zur Gänze hin.
    Ich gebe mich dir gänzlich hin.
    Ich gebe mich dir ganz hin.

    Wortspielerisch:

    Ich gebe mich dir Gans hin.
    Ich gebe mich dir, Ganzhin.
    Ich gebe mich dir, ganz Hirn.
    „Iih! Gibbi mi di ganzi!“ – „Wo?“ – „Nadda!“

    Ich möchte mir bereits jetzt verziehen wissen.

    Gefällt mir

  9. rotebastardin schreibt:

    Mach ruhig!

    I nehm di komplett!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s