Chimären X

first

Der kleine Kuß räuspert über Kuhlen, Hautkruppen, bevor er sich niederläßt, ein Haus dorthin baut, sein Wappen hißt, blutrot, lipplappig; aus der Mitte strömt der Hauch eines vergessenen Wortes.
Aus meinem Mund drangen Emissionen fremder Sterne, Röntgen- und Reflexionsnebel.
Sie erblickte sich selbst aus einer Muschel steigen, ganz ohne die unheilvollen Verwundungen, die ihre Knochen trugen, weiß wie das Gleisen eines umgestülpten Planeten. Der Puls des Atems erschuf sie neu. Sie erkannte den Zeitpunkt ihrer Niederlage. Meine Augen lagen verdreht in Höhlen der Verzückung, verschwommen hinter Wänden des Schlafs.
Ich habe dich beobachtet, wie du mit nackten Füßen über die Totenschädel gingst. Die wenigsten zerbröckelten unter deiner nachtschattigen Gestalt. Die Vergangenheit erschien wie dein persönliches Parkett aus der Tiefe aller Erinnerung. Wo gehst du hin? Und warum diesen Weg?
Die Kreuzung ist um diese Uhrzeit leer. Keine Entscheidung, die zu dieser Stunde getroffen wird. Deine Balance ist der Ruhepol dieser Nacht, auch wenn du nicht weißt, daß ich dich sehen kann. Die Gitter der alten Schmiede sind verschlossen. Ich streife oft durch die verwegenen Viertel, nichts Natürliches findet sich hier. Die Gräber der aufgerissenen Straße erreichen die verlassene Vorstadt. Wenn ich dich anspreche, erwachst du. Wenn ich dich lasse, wird ein Fehltritt dich versinken lassen. Meine Kreuzung, meine Entscheidung.
Die neutralen Dinge können sich in furchterregende Dinge verwandeln. Ich ertrage kaum mein Älterwerden, auch wenn es sich nur im Spiegel abspielt; nur dann nicht, wenn ich die Brücke, das Schloß betrachte, und dich, wie du warst, wie du unverändert hinter meinen Lidern stehst. Dich durchlöchert keine Epoche, du existierst wie eine Fotographie, deine Haltung wird sich nie verändern, deine Stimme nicht; kein Haus, kein Garten. Ich kann die Obstbäume zählen, die Früchte auf dem warmen Gras. Ich dachte, ich schließe die Vorhänge, halte die Uhren an, verdecke die Spiegel und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Der kolossale Weltenschwund ginge mich nichts an.
Jetzt aber bin ich hier. Vielleicht decken sich die Ereignisse nicht, vielleicht sind sie etwas durcheinandergewürfelt. Vor und zurück auf der Zeitskala, Alpha und Omega nur künstlich, der ewige Strom aus Einbildung und Erfindung.
Der Zaun, den Schenkeln gleich, die Umfriedung, Einfriedung; aus den Moosen hämmert es schattig, meist morgens, ab mittags dann heiß wie gekochter Schnee, bitter wie destillierte Tränen, die jetzt nicht mehr nötig sind, ihr Salz für die Flora

»Das Meer ist unbekannt«

das Wasser, der Schweiß, eine Sekunde Vergangenheit, eine zweite, vielleicht noch eine dritte, die stolpert. Abstrahlendes Herz; die Entzündung verläßt das Haus, sucht sich andere Nachtmahre, die verbrannt werden können. Diese Alpträume reisen viel und stoppen nur vor einer Wand, gebildet von Händen, die nur leicht streifen, was andere Hände packen, zerfetzen, klammern, greifen.

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