Chimären XI

Ephialtes ist der Dämon, der die Alpträume eingibt, die Stute der Nacht aber, das ist die Dichtung.
Die Türen klappern und die Eulen kauzen, sie erledigen ihr finsteres Mahl. In den Katakomben wären sie die Herrscher der klandestinen Welt, auf den Bäumen sind sie die Augen der Nacht, denen das Flirren der vom Irrlicht angestrahlten Insekten die Straße in den Nebel ist.
Aus den Schornsteinen schälen sich die Gespenster der Holzrinde aus ihren hellgrauen Mänteln. Ihr Ziel ist, wie so oft, das Nirgendwo.
Nur mich treibt es über das unebene Plastrum hinaus, und ich wundere mich, daß ich unbehelligt fliehen kann, ohne ein forsches Tempo einschlagen zu müssen, ohne die ohnehin unzureichenden Sinne auszufahren, um die Schatten deuten zu können, die gemütlichen Gerüche, die aus schlecht schließenden Fenstern schleichen, die ätzenden Salben der Gefahr von frischer Luft zu trennen. Das stille Wunder der Nacht verschluckt mich an Ort und Stelle, unsichtbar, weil ich mich unsichtbar denke. Nur die Arglosen sowie Kinderseelen könnten mich jetzt noch entdecken, wie ich mich aufmache in die jenseitige Welt, die für mich nicht schwer zu erreichen ist durch das Pfand, das ich bei mir trage.
Aber auch die würden mich nur innerhalb eines Traumes wie ein Schemen auffinden, das Grauen in ihnen auslöst ohne Grund, so daß sie sich weigern, allein zu schlafen und darum bitten, es möge eine Kerze scheinen, ihren Atem bewachen, die Tür angelehnt, die Schränke verschlossen, denn vielleicht kröche ich aus dem Gewühl des Unaufgeräumten.
Ohne Grund, nur aus der tiefen Ahnung des Todes heraus, den sie in Gedanken vorwegnehmen und sich damit zeichnen all ihr Leben lang. Es wird dieses Bild sein, das sie auf ihrem Sterbebett imaginieren, das ihnen sagt: Alles ist bar jeder Hoffnung. Kein Licht wird dich erretten, wenn du fällst in meine dunklen Schwingen.
Nichts Sensationelles gebührt mir, keine Chronik verbindet meinen Namen mit Papier, ich fürchte gar, man sieht mich an und vergißt mich gleich beim nächsten Augen-Niederschlag. Wie Schwarze Materie vermutet man mich in leeren Häusern, an verlassenen Orten; man spricht mit mir über die Wunder dieser Welt, als wäre ich ihnen näher. Doch ich bin nur der Wanderer, der flieht, auch wenn niemand sich hinter mir zeigt.

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