Chimären XII

Der Mensch und die Paarung ertragen Intensität nicht lange; wie aber steht es mit dem Gedankenerwecker? Ich folge den orphischen Vasallen, die in ihrer Sangeskunst Melodien aus Gedanken formen, die ein tanzendes Wort ergeben. Aus der Höhle erster Dunkelheit heben vergessen Zorn und Sein, Gespenster, die im Geisterreich den Mund nicht brauchen.
Da bist du, trägst uns durch dein Flötenspiel dem Hafen entgegen, den flaschengrünen Nixen zu, den sonnenlosen Reichen, die keine Formen missen lassen.
Man weckte den Toten, der schlief. Ist das nicht ein Lied für dich?
Mir träumte, die Zeit ginge nicht so lächerlich dahin, ließ weilen an der Kreuzung mancher Momente. Aus allem tiefen Schlaf fällt Regen, der das Bettzeug feuchtet, die Splitter findet, sie entfernt, die Wunden auswäscht. Noch im Halbschlaf die Melodie, ces bis f, komische Quarte, Diablous in Musica, Bewegungs- und Dialgoszenen, Grundelemente des Dramas.
Vielleicht träumt mich jemand vor sich her und wünscht, daß all dies geschähe. Vielleicht bin ich nur das fahle Blatt eines Gedankens der Wut, der Hilflosigkeit, deren Schild die Gewalt ist, deren Dreizack der Atem der Verwünschung ist, unachtsam aus der Niederung formuliert. Vielleicht aber bin ich die Tat und die Bewegung des Ungesagten. Der beginnende Regen spricht mich frei von der Kälte, die durch Wände kriecht.
Der Umstand des Geheimnisvollen führt mich, sitzend am Bullauge, im Angesicht der verschwundenen Welt, durch Orte, die diesen Namen kaum verdienen, von denen noch nie eine Menschenseele je gehört hat. Alle strahlen sie eine unheimliche Fremdheit aus.
Ich starrte hinaus, froh darüber, auf der anderen Seite zu sein, während draußen, wo der Bus zum Halten kam, diese gefräßige Fassade einer scheinbaren Idylle nur auf jemanden wartete, der bereit war, sich dem Unbekannten zu stellen. Die Einsamkeit schlich sich in das Herz, so als blicke man ins Nirgendwo; die Zweige der Bäume bewegten sich tückisch, auf den Straßen war kein fester Halt zu finden. Fiele nun die Heizung aus, erfröre man, weil es einen Sommer dort nicht gab, so wie überhaupt keine Jahreszeiten existierten.
Nach und nach stiegen die schattenvermummten Gestalten aus, ohne je den Blick zu heben, als wären sie alle der gleichen Werkstatt einer Menschenflechterei entsprungen, bis ich der letzte Fahrgast war. Die Straße zog sich wie ein grauer Schlauch durch ein farbloses Grün. Die vereinzelten Bäume fingen Vögel mit ihren hervorschnellenden Ästen, wenn sie nicht gerade einen absurden Tanz aufführten. Stromkabel ließen ihre Bäuche nach unten hängen.

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Eine Antwort zu Chimären XII

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