Nigredo

Epidot

Lähmung. Unfähigkeit, lange Texte zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Ich halte mich an Aiga (mir sehr nahe) & Hybris (mir sehr fern):

Eine Flamme im Wasser, die dennoch nicht erlischt! (habe ich hier einmal gelesen.)

Das könnte trösten. Könnte. Doch das Gespräch mit jüngeren Kollegen hilft auch nicht. Denn ihnen gehört ja die Welt. Oder wird gehören; denn wir haben abgewirtschaftet. Ich meine das ganz wörtlich ökonomisch: abgewirtschaftet. Die Zeit und die Kraft, die wir investiert haben, hat nicht ausgereicht. Und so fehlt sie uns nun, ohne dass wir irgendeinen Gegenwert in Form von Leben erhalten hätten.

Die Erinnerung ist nur der furchtbare Augenblick der Wiederkehr der Geschehnisse als Abklatsch. Kein Blut pumpt in ihren Adern, und selbst intensivste Ereignisse locken nur verworren aus einem Jenseits.
(Chimären IX)

„Ich wollte Dir immerzu viele Liebesworte sagen. […] / Warum tat ich es nicht?“

Weil ich Liebesworte vergessen habe. Oder verlernt. –– Als wäre es zu direkt zu mir gesprochen. In dies desolate Leben hinein. In das nun Krankheit, wahrscheinlich Tod eingebrochen ist. Nein, nicht bei mir selbst. (Ob das eine Gnade wäre? Dann wäre einem das Ziel ja gesetzt. Die übrig bleiben, die werden immer versehrter!) Die ersten Stationen auf dem Weg: Lakonik der Diagnose; Hilflosigkeit des Entscheidens; Fragen, Ahnungen, keine verständlichen Antworten. Fragmente einer Sprache des Durchhaltens. „Durch“ was eigentlich? Keiner weiß es.

Es wird soviel gesprochen, dass an Lesen also nicht zu denken ist. Nichts Zusammenhängendes. Nur Fragmente scheinen angemessen, Gedankensplitter, Gefühlsmineralien, wo Bruchlinien kenntlich werden. Wohl auch alte Narben wieder aufbrechen. Wo die Welt zerfällt in Millionen von Menschen auf Völkerwanderung und denen, die ihren „Besitzstand“ wahren wollen. Welche Parolen wieder zu hören sind, an Bushaltestellen, in der Kantine — und natürlich im Netz. Dann Paris: schwer, die Fassung überhaupt noch von Tag zu Tag zu wahren.

Oscar Miłosz, der französische Litauer mit slawischem Namen, will mich auf die Spur des Glaubens bringen, von der ich immer wieder abkomme. Mit manchem aber hat er Recht:

L’esprit et le corps luttent quarante ans : c’est là le fameux âge critique dont parle leur pauvre science, la femme stérile. (120)

Ton cœur est un soleil anatomique propulseur de ton microcosme sanguin, comme les grands Soleils sont les pères et les bergers des systèmes. (81)

Und dann fällt mir Hans Jürgen von der Wense in die Hände, als hätten die beiden Sonderlinge sich im Limbo abgesprochen:

„Im Grunde ist alles Insel“, sagen wir Sterne. Jeder Mensch ist ein Weltkörper. (68)

Doch was, wenn die Sonnen anschwellen, die Monde sich losreißen, um auf die Erden zu stürzen, und der Weltenkörper plötzlich voller schwarzer Löcher ist, die Leben um Leben um Leben einsaugen? Dann hilft wieder Wense weiter, sobald ich in seiner Aphorismen-Registratur zurückblättere:

Abwerfen
Je mehr man abwirft, um so höher steigt man. Wir leiden an unseren Wünschen, weil wir an ihnen hängen.
Lau-Dan 2: „Und weil er nicht daran hängt, verliert er es nicht.“ (14)

So weitergehangelt, von Tag zu Tag; Satz zu Satz.

© Milosz: Maximes et Pensées. Paris: André Silvaire 1967.
© Jürgen von der Wense: Epidot. Berlin: Mattes & Seitz 1987.

(Merkwürdig: Beiden fehlt auf den Titelblättern meiner Bücher jeweils der erste Vorname. Wie um zu zeigen, dass diese Dichter die Akzeptanz des Verlustes schon in der Bezeichnung ihrer selbst tragen.)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Druckschwarz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s