Über den Zufall

Die Künste versuchen, den Zufall auf immer neue Weise an einen wichtigen Platz im ästhetischen Gefüge zu stellen, weil sie ihn brauchen. Im Laufe der Geschichte verschiebt er sich sehr deutlich. Im aufklärerischen 18. Jahrhundert befindet er sich noch immer außerhalb des Ästhetischen, und lieferte einen Stoff, mit dem die Literatur hantiert, um bewußte Absichten zu realisieren.
Wenn dagegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tristan Tzara im Cabaret Voltaire aus seinen Taschen willkürlich hervorgezogene Zettel als Gedichte präsentiert oder wenn Hans Arp Gedichte zerreißt und auf den Boden wirft um und die so hergestellte neue Anordnung der Worte dann als das eigentliche Gedicht rezitiert, dann ist damit der Zufall in die literarische Produktion hineingewandert.
Ist in der Literatur des 19. Jahrhunderts der Zufall immer noch ein Motiv, ein Ereignis der Geschichte, das erzählt wird, so wird er im 20. zum Verfahren. Zufällige Strategien bestimmen zunehmend die Reihenfolge des Erzählten oder generell die ästhetischen Verhältnisse.
Marcel Duchamp irritierte sinnliche Wahrnehmung wie logische Rahmung gleichermaßen. Für Octavio Paz betrieb Duchamp ein Programm der allgemeinen Desorientierung, versuchte systematisch Situationen des Zufalls zu provozieren und im Moment ihres Eintretens zu fixieren, eine an sich schon unmögliche Anstrengung.
Wie läßt sich ein einmaliger, mit keinem anderen vergleichbarer Moment denken? Was wäre diese reine Zeit oder der reine Raum, die nackte Erscheinung, in der oder in dem etwas für ein einziges Mal geschieht? Duchamp will mit seinen immer wieder erzeugten Irritationen für immer die Möglichkeit verlieren, zwei gleichartige Dinge zu unterscheiden oder zu identifizieren
Die einzigen Gesetze, die ihn interessieren, sind die Ausnahmegesetze, die nur in einem bestimmten Fall und bei einer einzigen Gelegenheit gelten. Hier trifft das Spiel auf die seriöse Physik unseres Jahrhunderts, auf die Idee der Singularitäten, die dann auch das Denken der zeitgenössischen Philosophie fasziniert.
Hier wird nichts als der „Kern“ jener Irritation formuliert, die alles Denken in einfachen Identitäten und strikten Ableitungen verstören muß, auf die uns die Künste in dem Moment immer wieder stoßen, wenn sie den Zufall zum Prinzip ihrer Aktivitäten erheben. Die Wahrnehmung rutscht dann in gewisser Weise zwischen die Idee und die Materie, wird zur puren Bewegung auf der Suche nach einer Referenz, einem festen Halt, den es zufälligerweise nun einmal nicht gibt: Woher käme die Gewißheit, daß dieses oder jenes Ereignis einmalig war, ist oder bleibt, wenn nicht aus dem Vergleich, in dem es notgedrungen festgehalten werden muß, bereits verdoppelt wird, die strikte Einmaligkeit verloren hat. Eben in solche unmögliche Situationen führen uns die Künste, in eine ästhetische Differenz, sinnliche Wahrnehmung einer Spannung, die vom bloßen Objekt oder seinem Begriff immer wegführt, ohne die Richtung oder gar das Ziel dieser Bewegung gleich mit anzugeben. Der Zufall bildet nur den virulenten, mal schmerzhaften, mal lustvollen Kern aller Künste, soweit sie sich nicht nur von Können ableiten. Übrigens immer schon. Nur das Bewußtsein und die Anwendungen dieses Bewußtseins in der ästhetischen Praxis sind von Mallarmé über Duchamp zum Sampling weiter ausgebaut worden.
Die Behauptung, der ästhetische sei ein sehr besonderer Zufall, wird ja nur im Vergleich mit Zufallsvorstellungen und -begriffen in anderen Disziplinen evident werden können.
Daher beginnt die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften. Dort schien es über Jahrhunderte sehr einfach: Den Zufall gab es nicht, durfte es nicht geben, die Newtonsche Physik ist geradezu als Abwehrprojekt gegen jede auch noch so winzige Einbruchstelle des Zufalls in die determinierten Bewegungen der Natur konzipiert. Mit Boltzmann, dann mit Planck, Heisenberg, neuerlich mit der sogenannten Chaosforschung ist der Zufall an durchaus entscheidende Stellen zurückgekehrt.
Insbesondere ist der Zufall nicht vom Ergebnis komplizierter, aber dennoch berechenbarer und determinierter Prozesse unterscheidbar. So findet der Universalienstreit eine überraschende (aber keineswegs zufällige) Fortsetzung. Denn ob ein objektiver Zufall real existiert, oder ob der objektive Zufall nur eine Frage des Sprachgebrauchs ist, bleibt mathematisch ebensowenig entscheidbar wie die Frage nach der Existenz des freien Willens. Auch aus der mathematischen Perspektive entsteht der Zufall erst in den Köpfen seiner Beobachter.
Dies bildet eine bedenkenswerte Folie für die weiteren, eher historisch, an bestimmten Epochen und mit der Positionierung des Zufalls eng verbundenen Epochenumbrüchen orientierten Darstellungen.
Über Jahrhunderte versucht die Literatur solche Vermittlungen, möchte den Zufall in eine objektive Ordnung einbinden, schlägt ästhetische Konstruktionen der strukturellen Überwindung alltäglicher Unfälle oder natürlicher Zufälle vor.

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